Stefan Müller: 111 Gründe, Bücher zu lieben

Eine Liebeserklärung an das Lesen

Dieses Buch ist ein typisches „einerseits und andererseits“-Buch.

111 GründeEinerseits: Mit der Wahl des Titels wird offenkundig versucht, auf einen von diversen Verlagen erfolgreich auf die Schienen gesetzten Zug aufzuspringen: es gibt inzwischen eine Fülle von Veröffentlichungen, die uns 100 oder mehr Gründe nennen, warum wir dies oder jenes tun, wissen, lesen, lieben sollten/müssten. Das fängt ein wenig an zu nerven. Bei dieser Publikation kommt hinzu, dass zumindest die Überschriften der einzelnen Abschnitte oftmals gar keine Antwort geben, obwohl so getan wird, indem sie nämlich jeweils mit „weil“ beginnen. Zum Beispiel: „1. Weil Bücher von der Schriftrolle bis zum Taschenbuch ihre eigene Geschichte haben“. Ein Grund, Bücher zu lieben? Ein 2. von vielen möglichen Beispielen: „4. Weil Kritiker Schmeichler oder Barbaren sein können“. Und noch eine 3. Kostprobe:  „25. Weil man durch sein Tagebuch der beste ungelesene Autor aller Zeiten sein kann.“ Gründe, Bücher zu lieben?

Man erkennt: hier wurde krampfhaft versucht, die in dem Buch angesprochenen Aspekte unter den Hut des feststehenden Buchtitels zu bekommen. Man sieht auch schon an den Überschriften, bemerkt es dann aber erst recht in den zugehörigen Texten, dass der Autor eine „lockere Schreibe“ angestrebt, einen Plauderton gewollt hat, um seine Leser und Leserinnen, soweit sie die Bücherleidenschaft nicht ohnehin schon gepackt hat, an die Literatur heranzuführen. Dagegen ist grundsätzlich nichts zu sagen. Doch Müller holt weit aus, um dann wenig zu sagen;  die Vergleiche, die er heranzieht, sind oftmals weit hergeholt, vieles, was er schreibt, ist oberflächlich und oft genug einfach nur banal.

Nach den ersten drei Kapiteln („Jenseits des Klappentextes“, „Bücher sind Menschen und Menschen sind Bücher“, „Es kommt – nicht – auf die Form an“) war ich nahe daran, das Buch endgültig an die Seite zu legen. Aber dann …

Andererseits: Ab Kapitel 4 sind ausgewählte Titel selbst die Begründung dafür, warum man Bücher lieben sollte. Eingeteilt wird in Rubriken wie Tagebücher und Historisches, Unvergleichliche Heldinnen, Jugendbücher, Dauerbrenner oder Riesenwälzer und Bücherschlangen. Was Stefan Müller hier zu sagen hat, ist – es geht also doch – wesentlich unterhaltsamer und auch gehaltvoller als seine vorangegangenen Texte rund um’s Buchwesen. Der mit seinen  34 Jahren noch junge Autor aus Leipzig hat bereits eine Menge gelesen und vermittelt sein Wissen auf eine Art, die nicht mehr dermaßen bemüht daher kommt wie zu Beginn. So manche Buchvorstellung animiert zum Lesen oder Wiederlesen. Insgesamt spiegeln die Anregungen zur Lektüre ein sehr breites Spektrum an Themen wider.

Tja, und ganz am Schluss kommt sie dann doch noch, die „Unbedingt-lesen-Liste“. Ich verweise an dieser Stelle auf die Diskussion, die hier im Blog anlässlich der Vorstellung von Bücher die man kennen muss geführt worden ist.

Alles in allem mag „111 Gründe, Bücher zu lieben“ eine brauchbare Heranführung an die Literatur und die Welt der Bücher sein. Auch erfahrene Leserinnen und Leser werden manch interessante Empfehlung finden, denn jeder Autor von Büchern dieser Art trifft seine eigene, subjekiv bestimmte Auswahl, folgt seinen eigenen Vorstellungen und Vorlieben. Das eröffnet die Möglichkeit, Entdeckungen zu machen. Ein wirklich notwendiges Buch ist es aber sicher nicht.

Stefan Müller
111 Gründe, Bücher zu lieben
Eine Liebeserklärung an das Lesen
Schwarzkopf & Schwarzkopf 2014, 280 Seiten, 14,95 EUR

4 Kommentare zu „Stefan Müller: 111 Gründe, Bücher zu lieben

  1. Eine sehr nachvollziehbare Kritik! Ich hasse das Buch bereits, ohne es gelesen zu haben. (Das war in dieser Heftigkeit von dir natürlich nicht intendiert, aber gegen ein paar der genannten Eigenheiten reagiere ich allergisch.)

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    1. Allergische Reaktionen kann das Buch durchaus auslösen, auch wenn es in den Kapiteln, in denen es tatsächlich um Bücher geht, ganz interessant und auch informativ ist.

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