Alexander Pechmann: Das Haus des Bücherdiebs

Sie sind schon ein eigenartiges Völkchen, die Bibliophilen und die Bibliomanen. Was tun sie nicht alles, um in den Besitz eines begehrten Buches zu kommen! Die Bibliophilen sind in der Wahl der Das Haus des BücherdiebsMittel ja noch harmlos, aber die hemmungslosesten Bibliomanen schrecken nicht einmal vor Mord und Totschlag zurück.

So der habgierige Don Vincente, ein abtrünniger Mönch, der ein Antiquariat betrieb und es nicht ertragen konnte, dass sein Konkurrent Patxots ihm bei einer Auktion ein von ihm heiß begehrtes Buch vor der Nase wegschnappte. Wenige Tage nach der Auktion ging Patxots Buchhandlung in Flammen auf, und kurz darauf wurden neun bedeutende Sammler, die allesamt Patxots Kunden gewesen waren, Opfer eines Mordanschlags. Überflüssig, zu sagen, wer der Täter war … Legendär ist auch Graf Libri, der den Auftrag erhalten hatte, einen vollständigen Katalog der Handschriften in den öffentlichen Bibliotheken Frankreichs zu erstellen. Er nutzte sein Amt schamlos aus, um große Mengen wertvoller Handschriften oder aus Büchern herausgerissener Seiten unter seinem weiten Umhang herauszuschmuggeln und der eigenen Bibliothek einzuverleiben.

Diebstahl von Büchern war offenbar unter Bibliomanen ein beliebtes Mittel, um in den Besitz begehrter Bücher zu kommen. Gerade auch Kirchenmänner scheinen für diese „Methode“ anfällig gewesen zu sein, was vermutlich damit zusammen hängt, dass gerade in den Klosterbibliotheken die wertvollsten Schätze in den Regalen standen. Pechmann berichtet beispielsweise von Kardinal Passionei, der ganz ungeniert vorging und „Bücher, die sein Herz begehrte, bei seinen Inspektionsbesuchen gleich aus den Fenstern der Klosterbibliotheken warf; unten wartete stets ein Gehilfe mit einem Korb, der die Kostbarkeiten auffing.“

In die Kategorie der harmlosen Büchernarren fällt der florentinische Bibliothekar Antonio Magliabechi, der von seinen Zeitgenossen „Bücherfresser“ genannt wurde. Er las praktisch von morgens bis abends; sein schier unglaubliches Gedächtnis „speicherte alles Gelesene sorgfältig und legte die Texte zuverlässig abrufbar in den kleinen grauen Zellen ab“. Erwähnt sei auch Charles Chadenat, der Anfang des 20 Jahrhunderts in Paris ein Antiquariat führte, das bis zum Platzen mit Americana gefüllt war. Aber Chadenat war – so etwas scheint es unter Antiquaren gar nicht so selten zu geben – ein Buchhändler, der nur äußerst ungern verkaufte; er hortete und las die Bücher lieber selbst. Gelegentlich, so lesen wir in Pechmanns Buch, „ließ er sich zu einem Tauschgeschäft herab, wenn er dadurch eine minderwertige Doublette loswerden und dafür eine nur ihm bekannte Kostbarkeit ergattern konnte. Nur selten ließ er sich nach langem Feilschen dazu überreden, ein gut erhaltenes Buch aus seinen übervollen Regalen zu verkaufen.“

Nicht gerade bescheiden gab sich im 19. Jahrhundert der Sammler Sir Thomas Phillipps, der von dem Gedanken besessen war, jede erhaltene Handschrift auf Pergament aufzukaufen: „Ohne besondere Kenntnisse von alten Manuskripten kaufte er einfach alles und bezahlte jeden Preis.“ Der Amerikaner Fred Board erwarb auf seinen Geschäftsreisen im Laufe der Jahre Mengen an Büchern, die durch ein besonderes Aussehen hervorstachen: runde Bücher, herzförmige Bücher, Bücher aus Beton, Bücher, die auf schottischer Wolle gedruckt waren …

Diese und viele andere mehr oder weniger kuriose Geschichten hat Alexander Pechmann für „Das Haus des Bücherdiebs“ zusammen getragen. Er erzählt sie auf unterhaltsame Weise; manchmal glaubt man ihn dabei schmunzeln zu sehen. Wer Lust hat (und welcher Bücherfreund hätte das nicht?), den Spuren berühmter Bibliophiler, passionierter Sammler oder trickreicher Bücherdiebe zu folgen, wird das Buch gern in die Hand nehmen und eine vergnügliche Zeit des Lesens haben.

Alexander Pechmann
Das Haus des Bücherdiebs
Aufbau Verlag 2010, 192 Seiten, 16,95 EUR

Ich nutze die Gelegenheit, noch einmal auf Pechmanns wunderbares Buch „Die Bibliothek der verlorenen Bücher“ hinzuweisen, das ich hier vorgestellt habe.

6 Kommentare zu „Alexander Pechmann: Das Haus des Bücherdiebs

    1. Du solltest Dir keine zu großen Hoffnungen machen – bei mir hat das Buch als Abwehrmittel gegen Büchermanie jedenfalls nicht gewirkt. Aber ich bin darüber nicht wirklich traurig…

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