Christian Schärf: Schreiben Tag für Tag

Journal und Tagebuch

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis genügt. Sofort wird klar, dass Tagebuch nicht gleich Tagebuch ist, Journal nicht gleich Journal. Und dass es sich dabei um etwas handelt, dass man lernen kann/muss, Schreiben Tag für Tagum das tägliche Schreiben für sich nutzbringend, fruchtbar zu machen.

„Am Beispiel Cesare Paveses lassen sich“, so schreibt Autor Christian Schärf in seiner Einleitung, „wesentliche Züge des Tagebuchschreibens überhaupt ablesen.

Es dient in den meisten Fällen der Verständigung eines Ichs mit sich selbst. Diese Selbstverständigung kann von der bloßen Auflistung von Ereignissen, Tagesabläufen, Begegnungen und Gesprächen bis zur Reflexion künstlerischer Möglichkeiten und zur Aussprache der intimsten Erlebnisse und Regungen einer Person reichen.“

25 Textprojekte finden sich in diesem Buch. Das heißt Tagebuch/Journal-Varianten mit unterschiedlichem Ansatz, durchgehend am Beispiel bekannter Tagebuchschreiber aufgezeigt. So stellt  Schärf „spontane Aufzeichungen“ von Franz Kafka vor, die – auch – zeigen, wie schnell sich die Grenzen zwischen Notaten/Notizbüchern und Tagebüchern verwischen. Im „anarchischen Notizbuch“ geht es um „Wildes Denken“ am Beispiel der Aufzeichnungen Gottfried Benns, der alles notiert hat, was ihm „über den Weg gelaufen ist“, von Bemerkungen zur ärztlichen Tätigkeit über Skizzen zu dichterischen Arbeiten  bis zu Beobachtungen in seinem Berliner Hinterhof. Am Beispiel E.T.A. Hoffmanns lernen wir Schreibkalender als Instrumente des Tagebuchschreibens kennen, die gerade für Anfänger   eine hilfreiche Struktur darstellen.

Vorgestellt werden aber auch „Die Minimale Chronik“ am Beispiel der Aufzeichnungen Goethes, „Die pedantische Chronik“ à la Thomas Mann, das „Arbeitsjournal“ , wie es Bertolt Brecht angelegt,  Traumtagebücher, wie z. B. Theodor W. Adorno eines geführt hat; es geht am Beispiel Albert Camus‘ um Ideentagebücher oder um das Führen eines Lesetagebuchs analog Jochen Schmidts „Schmidt liest Proust“.

Ich kann und will hier nicht auf alle  vorgestellten Varianten eingehen, hoffe mit diesen Hinweisen aber ein Bild der erstaunlich vielfältigen Thematik vermittelt zu haben. In der (all-)täglichen Schreibpraxis werden sich die Grenzen ohnehin verwischen. Manche der in dieser Publikation skizzierten Ansätze, ein Tagebuch bzw. Journal zu führen, haben in meinen Augen ohnehin schon etwas Haarspalterisches an sich.

Wem kann „Schreiben Tag für Tag“ nützen, wozu kann das Buch dienen? Man kann es, wie ich es jetzt erst einmal getan habe, in einem Rutsch durchlesen. Und nach der Lektüre zufrieden sagen: „Sehr interessant!“  Wer sich dieses Buch kauft oder in der Bibliothek ausleiht, wird aber doch meist konkrete Erwartungen an den Inhalt haben: Anregungen, Hilfe, Beispiele suchen für das beabsichtigte eigene tägliche Schreiben. Und sie in reichem Maße finden. Nach der (ersten) Lektüre beginnt die Arbeit.

„Schreiben Tag für Tag“ ist Teil einer von Hanns-Josef Ortheil herausgegebenen Reihe über kreatives Schreiben. Und es ist genau so aufgebaut, wie die beiden Titel, die DruckSchrift hier und hier bereits vorgestellt hat. Der Darstellung jedes der 25 präsentierten Projekte schließen sich Schreibaufgaben an. Nimmt man sie ernsthaft in Angriff, wird man an tägliches Schreiben herangeführt und kann durch Ausprobieren und Übung herausfinden, welcher Tagebuch-Typ man ist, wie die eigenen Aufzeichnungen angelegt sein könnten/sollten.

Eine ebenso spannende wie lohnende Herausforderung für alle, die „Selbstverständigung mit sich selbst“ (s. Zitat oben) suchen.

Schreiben Tag für Tag
Journal und Tagebuch
von Christian Schärf
Dudenverlag 2012 (Reihe Kreatives Schreiben), 160 Seiten, 14,95 EUR

9 Kommentare zu „Christian Schärf: Schreiben Tag für Tag

  1. Danke für die Vorstellung. Du hast mir ja das Buch richtig schmackhaft gemacht.
    Herzliche Grüße vom Meer
    Klausbernd, Tagebuchschreiber

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  2. Vielen Dank für den Tip, Ingrid! Ich freue mich, dass der Autor so unterschiedliche und höchst literarische Ansätze ausgewählt hat. Ich werde es lesen, vielleicht gibt mir das Buch den entscheidenden Anstoß für ein kontinuierliches Tagebuchschreiben.

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    1. Das Buch hält viele Anregungen bereit und ist, da bin ich mir sicher, eine gute Starthilfe. Somit ist der erste Schritt hin zu kontinuierlichem Tagebuchschreiben leicht und schnell getan.

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  3. Ganz sicher ein spannendes Buch! Ich habe zwei andere Titel aus der Reihe – ungeachtet der angesprochenen „Haarspaltereien“ (die es auch dort gibt) und einzelner Banalitäten – als sehr anregend empfunden.

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