Ray Bradbury: Fahrenheit 451

Was für eine Welt?! Seelenlos. Gedankenlos. Bücherlos. Fahrenheit 451 (232 ° Celsius) – das ist die Temperatur, bei der Bücher Feuer fangen und verbrennen. Für’s staatlich verordnete Bücherverbrennen ist die Feuerwehr zuständig. Seit Jahren ist das der Job von Feuerwehrmann Guy Montag und seinen Kollegen. Eine ganz gewöhnliche Aufgabe, findet Montag. Und doch: hin Fahrenheit 451und wieder lässt er schon mal heimlich ein Buch „mitgehen“ und versteckt es im Lüftungsschacht seiner Wohnung. Seine auf das Fernsehen versessene, ansonsten aber interessenlose Frau ist ahnungslos.

Eines Nachts lernt Montag auf  dem Heimweg von der Feuerwache die junge Clarisse kennen, die so ganz anders ist, denkt und fühlt als die Menschen seiner Umgebung.

„Ist es wahr, dass die Feuerwehr einst Brände bekämpfte, statt sie zu entfachen?“

Die Gespräche mit ihr machen ihn nachdenklich, öffnen seinen Blick für die Schönheiten der Natur, erinnern ihn daran, dass die Häuser früher Balkone hatten, auf denen die Menschen saßen und sich unterhielten …

„Wetten, dass ich noch etwas weiß, was Sie nicht wissen. Auf dem Gras liegt früh am Morgen Tau.“
Er hätte plötzlich nicht mehr sagen können, ob ihm das bekannt gewesen war oder nicht, und geriet in eine leicht gereizte Stimmung.

„Und wenn Sie genau hinsehen“ – Clarisse deutete mit dem Kopf zum Himmel -, „es hockt ein Mann im Mond.“
Er hatte schon lange nicht mehr hingesehen.

Zum Schlüsselerlebnis wird für Montag sein nächster dienstlicher Einsatz: Eine von ihrer Nachbarin denunzierte Frau weigert sich, ihre Bibliothek zu verlassen – und verbrennt zusammen mit ihren Büchern. Ein Ereignis, dass Montag krank macht, ihn zugleich aber erkennen lässt, dass etwas geschehen muss …

– „Mildred, wie wäre es … wenn ich mit dem Dienst eine Zeitlang aussetzen würde?“
– „Du willst alles aufgeben? Nach all den Jahren, bloß weil einmal eine Frau und ihre Bücher …“
– „Du hättest sie sehen sollen, Millie!“
– „Sie geht mich nichts an. Sie hätte keine Bücher haben dürfen.“

Die Szenerie, die Bradbury in seinem Roman beschreibt, ist bedrückend, lässt einen schaudern. Entmündigte, manipulierte Menschen, die gar nicht (mehr?) merken, dass sie von von ihnen unbekannten Kräften ferngesteuert sind. Sie werden einer ständigen Berieselung durch banalste Fernsehsendungen, die auf Wohnungswänden gezeigt werden, ausgesetzt. Mit Turbinenautos rasen sie sinnlos durch die Straßen. Von Sportereignissen, Veranstaltungen, Vergnügungsparks etc. werden sie dermaßen auf Trab gehalten, dass für eigenständiges Denken und Handeln keine Zeit bleibt. Kritische, selbstbestimmte Bürger sind unerwünscht, damit die Mächtigen schalten und walten können wie sie wollen. In einer solchen Umgebung können Bücher natürlich nicht geduldet werden. Die Regierenden brandmarken sie als die Quelle allen Unglücks; Bücher sind deshalb rücksichtslos zu vernichten.

Fahrenheit 451 ist ein Klassiker der Science Fiction Literatur. Kein Wunder. Obwohl schon 1953 geschrieben, trägt es Züge von beunruhigender Aktualität. Die Medienmacht eines Murdoch oder Berlusconi beeinflusst (bestimmt?) Wahlentscheidungen. Die, die parlamentarische Interessenvertretung am Nötigsten hätten, sind desinteressiert und beteiligen sich immer weniger an Wahlen. Ein zunehmend niveauloser werdendes Fernsehen betreibt Verdummung durch Castingshows, Fernsehshows, Soaps, sog. Reality TV …

Mein Fazit: Normalerweise interessiert mich Science Fiction nicht. Da es hier aber ganz wesentlich um Bücher und die Angst der Mächtigen vor deren Macht geht, war Fahrenheit 451 so etwas wie Pflichtlektüre für mich. Bradburys Roman ist faszinierend und beklemmend; er ist ein Plädoyer gegen Angepasstheit und Stumpfsinn, für Zivilcourage. Und eine eindringliche Mahnung vor manipulativen, entmündigenden, ja letztlich demokratiefeindlichen Kräften und Tendenzen, die nicht unterschätzt werden dürfen. Dringende Leseempfehlung!

15 Kommentare zu „Ray Bradbury: Fahrenheit 451

  1. Diesen Roman will ich schon seit langem lesen, habe es bisher aber immer hinaus geschoben und anderen, im deutschen Raum bekannteren, Klassikern den Vortritt gelassen.
    Was aber nicht heißt, dass mich das Buch nicht reizt. Ich habe bisher mit dystopischen, bzw. SciFi Klassikern nur gute Erfahrungen gemacht. 1984 zählt zu meinen Lieblingsbüchern. Also werde ich Fahrenheit 451 wohl auch bald auf meine Leseliste setzen.

    LG, Katarina 🙂

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  2. Liebe Ingrid,
    eine schöne Rezension dieses Klassikers, der, wie schon zuvor erwähnt wurde, toll verfilmt wurde. Eigentlich müsste man ihm im Zusammenhang lesen, nämlich die Idee nimmt ja Bradbury in seinen „Mars-Chroniken“ auf, die ich SEHR lesenswert finde und den Zusammenhang bilden. Die „Mars-Chroniken“ gibt es übrigens als fein gemachtes Hörbuch.
    Naja, es wurden ja einige Romane über Buchfreunde in buchfeindlicher Umgebung geschrieben, aber nicht umsonst wird allgemein in der Literaturwissenschaft dieser Klassiker Bradburys als DAS Buch zu diesem Thema angesehen. Es ist wohl auch das bekannteste (wir lasen es in der Schule).
    Ein feines Wochenende dir.
    Liebe Grüße von Küste Norfolks
    Klausbernd 🙂

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    1. Hallo Klausbernd,
      vielen Dank für Deine Stellungnahme und den Hinweis auf die „Mars-Chroniken“. Ich werde mich entsprechend umschauen.
      Noch einen schönen Sonntag! Ingrid

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  3. Es ist eigentlich schade, dass dieses Buch unter der Kategorie „SciFi“ läuft – man könnte es auch in eine Reihe mit Orwells „1984“ und anderen Dystopien stellen. Jedenfalls: Ein wunderbares Buch, ein Klassiker, ein Buch, das aufrüttelt und zeigt, dass eines der wichtigsten Güter Geistes- und Meinungsfreiheit ist. Und den Film kann ich Dir auch nur wärmstens empfehlen – nicht nur wegen Oskar Werner, sondern auch wegen der wunderschönen Juli Christie. Wobei Film und Buch inhaltlich nicht ganz 1 zu 1 sind, aber Truffaut hat nichts „verschlimmbessert“ – man muss beides als eigenständige Kunstwerke sehen.

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    1. Freut mich, dass das Buch auch für Dich einen so hohen Stellenwert hat. Und den Film werde ich mir so bald wie möglich mal anschauen – ich mag Truffaut sowieso. Da ist es schon ziemlich erstaunlich, dass ich Fahrenheit 451 (noch) nicht kenne…

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  4. Liebe Ingrid, da hast Du uns ja ein interessantes Buch vorgestellt. Ich lese auch nur ausgewaehlte SF Buecher, aber dieses interessiert mich in Anbetracht der Entwicklungen in unserer Mediengesellschaft. Danke fuer den Tipp. Lieben Gruss, Peggy

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    1. Danke für Deinen ersten Kommentar hier und die positive Einschätzung von Fahrenheit 451 als Buch und Film. Was den Film angeht, muss ich wohl dringend eine Bildungslücke schließen …

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  5. Liebe Ingrid, ein wahrer Klassiker, so von 12 – 20 Jahre war ich ein absoluter SF Fan und mochte gerade die dunkelsten Visionen der Welt ….
    Danke für die Erinnerung an das Buch und einen schönen Wochenbeginn von Susanne

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    1. Liebe Susanne! Es ist schon bemerkenswert, wie aktuell das Buch jetzt noch, ja vielleicht gerade heute, ist … Hast Du den Sciene Fiction Romanen inzwischen abgeschworen? Eine gute Woche und herzliche Grüße, Ingrid

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      1. Liebe Ingrid,
        ich lese einfach zu viele andere Bücher lieber. Es war schleichend, dass immer weniger SF-Bücher in mein Regal wanderten. Heute ist kein einziges mehr vertreten. Die meisten hat mein Bruder in seinem Regal zu stehen……
        Liebe Grüße von Susanne

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  6. Ja wahrlich einwichtiges und wunderbares Buch und ein so liebenswert liebevoll gestalteter BLOGG. Ich ergänze der Vollständigkeit halber den großartigen Film von Truffaut. Gerade Kino und Theater sind ja Überlebenshilfen gegen diese Fernseheinheitsbreiverblödung. DIE ANDERE HEIMAT von Edgar Reitz wäre im Kontext des BLOGGs vielleicht ein Thema. Schließlich geht es dort auch um einen Buchliebhaber in einem buchfernen Lebensumfeld. Falls möglich, schreibe ich gerne einen Gastbeitrag.

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    1. Vielen Dank für den netten Kommentar und den Hinweis auf den Truffaut-Film. Es gibt auch eine von Tim Hamilton gezeichnete Graphic Novel, die auch nicht schlecht ist. Wegen eines möglichen Gastbeitrags melde ich mich per eMail.

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