1001 Bücher …

… die Sie lesen sollten, bevor das Leben vorbei ist

1001 BücherGigantisch! Was macht man mit solch einem Buch? Den auf dem Bucheinband versprochenen „rote[n] Faden durch den funkelnden Reichtum an Literatur“ vermag ich bei diesem Hammer-Buch bislang nicht zu finden. Aber vielleicht entdecke ich ihn ja noch, bevor mein Leben vorbei ist…

Vorgestellt werden „Bücher, die von Lesern und Kritikern weltweit zu Kultromanen erhoben wurden“ (Einbandtext) – eine Formulierung, die alles und nichts sagt. Die „sorgfältige Auswahl“ hat ein „internationales Team, bestehend aus 157 (!) Schriftstellern, Literaturwissenschaftlern und Journalisten“ vorgenommen. Warum schreiben dann aber Experten nicht über ihr Fachgebiet? Was hat „O.R.“ mit japanischer Literatur aus dem 10. Jahrhundert zu tun, er, der doch laut Autorenverzeichnis über amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts, englische Literatur des 19. Jahrhunderts und moderne argentinische Literatur geschrieben hat. Von „RegG“, der „über umfassende Kenntnisse zur modernen europäischen Literatur, insbesondere zur französischen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg“ verfügt, finden wir in diesem Buch Beiträge über japanische Literatur aus dem 11. Jahrhundert oder portugiesische aus dem 16. Jahrhundert. Mhm. Beispiele, die sich fortsetzen ließen. Ein etwas seltsames Vorgehen.

Doch will ich gar nicht den Eindruck erwecken, als hätte ich das komplette, 960 Seiten umfassende Buch unter diesen Gesichtspunkten akribisch untersucht. Wer wollte das schon auf sich nehmen? Aber da zeigt sich meiner Meinung nach die ganze Tücke dieser Publikation:  Die Masse an Titeln führt nicht zu Durchblick und Übersicht, sondern macht das Buch unübersichtlich und erschwert dadurch eine kritische Bewertung von Inhalt, Zusammenstellung, Gewichtung.

Ein großer Teil der Mitarbeiter an diesem Buch ist an englischen oder amerikanischen Universitäten „zu Hause“. Sie sind nicht unbedingt alles Engländer oder Amerikaner, und warum sollte ein englischer Dozent nicht zum Beispiel über deutsche Literatur schreiben können. Aber dennoch: Wenn man schon eine so große Zahl an Mitarbeitern rekrutiert, wäre m. E. etwas mehr Internationalität angebracht gewesen.

Im vorangestellten Autorenverzeichnis werden die (meisten, nicht alle) Rezensenten kurz vorgestellt. Doch unter den Rezensionen selbst findet man leider nur die jeweiligen Initialen. Warum eigentlich? Leserfreundlich ist das nicht. Will man wissen, mit wem man es bei einer Besprechung zu tun hat, ist man gezwungen, vorn im alphabetisch geordneten Namensverzeichnis zu suchen. Aber vermutlich ist es einem bei über 150 Rezensenten irgendwann sowieso egal, wer die gerade einmal eine Spalte über „Rätsel der Sandbank“ oder „Der große Gatsby“ verfasst hat.

Damit habe ich ein wenig zum Aufbau dieses Wälzers gesagt. Die Texte umfassen pro Buch durchgängig nur jeweils eine von zwei Spalten pro Seite, die Buchvorstellungen sind also sehr knapp gehalten. Eine grobe Gliederung unterteilt die Beiträge nach Epochen (vor 1800, 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert, 21. Jahrhundert). Positives will ich gern über die sehr ansprechende „Innenausstattung“ sagen: über 600 schön anzusehende Abbildungen zeigen Buchumschläge, Autorenporträts oder anderes Bildmaterial. Da schlägt das Herz von Bücherfreunden schnell höher.

Unter diesem Aspekt wäre also die Voraussetzung für ein „lustvolles Stöbern“ (Einbandtext) gegeben. Wer der Einladung hierzu folgen will, sollte sich aber eine Ablagemöglichkeit auf den Knien oder auf dem Schreibtisch schaffen: das Buch ist mit seinen 960 Seiten so schwer und unhandlich, dass man es nicht lange in den Händen halten mag …

Mein Fazit: Wenn man das Buch als ein unverbindliches Angebot sieht, findet man darin zweifellos eine Fülle von Anregungen für die eigene Lektüre. Es präsentiert viele, viele interessante, lesenswerte Bücher, aber es leitet den Nutzer nicht wirklich. Es hält eine Menge Information bereit, aber schafft angesichts der Überfülle keine Orientierung. Die Leistung eines Herausgebers/Autors liegt m. E. nicht darin, eine unendliche Fülle von Werken vorzustellen, sondern eine kluge Auswahl aus dem riesigen Angebot zu treffen. Die darf dann durchaus individuelle Züge tragen. Wie sollte es auch sonst gehen?

Es ist noch nicht lange her, dass ich „Literatur!“ von Katharina Mahrenholtz hier vorgestellt habe. Ihr Buch – der Vergleich drängte sich einfach immer wieder auf – ist weit eher als „1001 Bücher“ ein Literatur-Führer nach meinem Geschmack. Es bietet Orientierung – auch durch Beschränkung  – bei hohem Unterhaltungswert. Dagegen fühle ich mich bei „1001 Bücher“ wie erschlagen: als „Führer“ zu unübersichtlich, zu wahllos, als Nachschlagewerk (Literatur-Lexikon-Ersatz) dagegen nicht umfassend genug.

1001 Bücher
die Sie lesen sollten, boevor das Leben vorbei ist
Herausgegebenvon Peter Boxall
Editions Olms, Zürich 5. aktualisierte Neuausgabe 2013, 29,95 EUR

5 Kommentare

  1. Diese „1001 things you have to do before you die“ Buecher liegen zur Zeit ziemlich im Trend. Ich bin kein grosser Fan dieser Lebensphilosophie. Wie eintoenig, wenn wir alle die gleichen Buecher lesen und dieselben Orte besuchen. Wo bleibt da der Individualismus? Lieben Gruss, Peggy

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