Autoren und ihre Lehrmeister: Erst lesen. Dann schreiben

Herausgegeben von Stephan Porombka und Olaf Kutzmutz

Erst lesen dann schreiben„Kurzum, kein genüsslicher Konsum, sondern Arbeit“ – dieses Fazit ist Annett Gröschners Beitrag über Julio Cortazar: „Rayuela. Himmel und Hölle“ entnommen. Es lässt sich problemlos auf das ganze Buch übertragen. Fast jedenfalls. Es findet sich auch Vergnügliches darin: „Ole Könnecke: Doktor Dodo schreibt ein Buch“ von Olaf Kutzmutz.. Doch damit ist schon Schluss mit lustig. Einige Autoren scheinen sich geradezu darin zu gefallen, möglichst unverständlich zu schreiben. Aber überwiegend stößt man auf lesbare, interessante, anregende Beiträge.

Neben den selbst auch schreibenden Herausgebern, Stephan Porombka (Professor für Kulturjournalismus und Literatur) und Olaf Kutzmutz (Programmleiter Literatur der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel), sind in diesem Buch 20 Schriftsteller versammelt, die über Autoren und Bücher schreiben, von denen sie gelernt haben. Und warum sollen andere Menschen mit Schreibabsichten nicht auch diese „Schule“ durchlaufen, dabei wohl bedenkend, dass Lebens- und Leseerfahrungen nicht einfach übertragbar, Schreibtechniken aber lernbar sind.

Ich habe das Buch, das eine gewisse Sogwirkung auf mich ausgeübt hat, erst einmal komplett durchgelesen. Klar ist aber: Will man aus dem einen oder anderen Beitrag für das eigene Schreiben Nutzen ziehen – (der Nutzwert hat sich mir nicht immer erschlossen) -, ist Nach-Arbeit nötig, die eine Menge Mühe erfordert.

Eine Auswahl aus dem Inhalt: Robert Gernhardt schreibt über Georg Christioph Lichtenbergs „Sudelbücher“ und würdigt Lichtenberg u. a. als Lehrer des Blickwechsels und der Präzision ; Stephan Porombka schreibt über die „Blütenstaub-Fragmente“ von Novalis zum Beispiel dies:

Wer sich das Fragment vom wahren Leser als erweitertem Autor über den Tisch, das Bett oder an den Spiegel hängt und in die Bücher legt, wird deshalb vor allem an eins erinnert: dass Lesen immer bedeutet, Material zu sammeln, sich anzueignen und so zu bearbeiten, dass ein neuer Text entsteht …

Matthias Göritz legt uns am Beispiel von „Bleak House“ Charles Dickens‘ „Kunst der Anfänge und Räume“ dar. Ulrike Draesner sieht im Lesen eine wichtige Voraussetzung für das eigene Schreiben und erläutert, warum sich das Lesen an Gustave Flauberts „Madame Bovery“ besonders gut üben lasst. Auf Andreas Eschbach haben die Non-Maigret-Bücher von Georges Simenon (beispielhaft in diesem Buch: „Die grünen Fensterläden“) den „mit Abstand größten Einfluss“ auf das eigene Schreiben gehabt. Franziska Wolffheim hat in Wilhelm Genazino einen „hintergründigen Alltagserkunder“ gefunden, dessen stilistische Sicherheit, aufgezeigt an „Ein Regenschirm für diesen Tag“, für sie vorbildlich ist.

Für Hanns-Josef Ortheil war die Lektüre von Hemingways „Paris – ein Fest fürs Leben“ so etwas wie ein Schlüsselerlebnis. Er schreibt darüber:

Die Lektüre von ‚Paris – ein Fest fürs Leben‘ empfand ich daher als Lektüre eines Lehrbuchs, das alles enthielt, was ich wissen musste, um Hemingways Erzählen nicht nur zu kopieren, sondern um es mir von Grund auf einzuverleiben. …
Zugleich war die Schreiblehre aber immer auch mit dem lebendigen, atmosphärischen Raum des großen Paris verknüpft, so dass ich nicht nur vielerlei über den richtigen Erzählstil, das Porträt einer Figur oder das Einfangen einer bestimmten Stimmung erfuhr, sondern mindestens ebenso viel darüber, wie ein junger und fast mittelloser Schriftsteller sein Leben einrichtete, um nicht nur zu schreiben, sondern auch eine Schriftsteler-Existenz führen zu können.

An jedes der 22 Kapitel schließt sich eine vom Autor des jeweiligen Beitrags erdachte Aufgabe an. Spätestens da fängt die Arbeit an, denn diese Aufgaben dürften manchmal eine nicht leicht zu bewältigende Angelegenheit sein (ich habe mich noch nicht daran versucht).. Aber genau besehen gehört zur Arbeit auch, die Bücher, die die Autoren präsentieren, zu lesen, bevor man sich an die Schreibaufgabe macht. Wohl kaum jemand wird alle der 22 ausgewählten literarischen Werke bereits kennen. Hat man, um ein Beispiel zu nennen, den Roman „Demokratie“ von Joan Didion erst einmal gelesen, kann man (vermutlich) besser nachvollziehen, warum gerade diese Arbeit oder diese Autorin für Antje Rávic Strubel so wichtig geworden ist.

Vielleicht bin ich ja die berühmte Ausnahme, aber ich muss einräumen, dass ich (auch) eine ganze Reihe der in diesem Band schreibenden Autoren nicht kenne. Manche interessieren mich nach wie vor nicht; auf ein paar bin ich neugierig geworden, und ich habe das Literaturverzeichnis am Ende des Buches schon einmal vorauswählend studiert. Zu den gestellten Schreibaufgaben kommen also auf jeden Fall noch viele „Lese-Aufgaben“ hinzu.

Mein Fazit: Man darf dieses Buch nicht mit einer herkömmlichen „Schule des Schreibens“ verwechseln. Ernsthaft am Schreiben Interessierte können es aber sinnvoll nutzen, indem sie nicht nur nachlesen, was die berühmten Vorbilder den hier versammelten Autoren beigebracht haben, sondern in einem zweiten Schritt überprüfen, welche Hilfen literarische Größen wie Flaubert oder Hemingway, Handke oder Weiss für sie selbst bei genauem Hinsehen anbieten.

Leichte Kost wird hier nicht serviert. Wer sich aber durchbeisst, wird nach meinem Eindruck die „Gesetze des Schreibens“ besser durchschauen und mit diesem auf dem (Um)Weg über „Erst lesen. Dann schreiben“ erworbenen Wissen bei der eigenen Schreibarbeit Fortschritte erzielen.

Stephan Porombka/Olaf Kutzmutz (Hrsg.)
Erst Lesen. Dann schreiben
22 Autoren und ihre Lehrmeister
Sammlung Luchterhand 2007, 272 Seiten , 8 EUR

8 Kommentare zu „Autoren und ihre Lehrmeister: Erst lesen. Dann schreiben

  1. Liebe Ingrid,
    ich werde das Buch auf jeden Fall auf meine Wunschliste setzen. Ich erforsche die Bücher meistens, in dem ich meine Gedanken zum gelesenen Buch freien Lauf lasse und zu zeichnen beginne.
    Einen schönen Freitag wünscht dir Susanne

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  2. Ein ganz wunderbares Buch, ich lese immer mal wieder darin, auch wenn naturgemäß nicht jeder Beitrag für jeden Leser gleich wertvoll ist. Gernhardt jedenfalls bin ich bis heute für die Entdeckung der Blütenstaubfragmente dankbar.
    Und Demokratie von Joan Didion kann ich übrigens nur sehr empfehlen, einer der besten Romane, die in der letzten Zeit erschienen ist.

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    1. Ja, das ist sicher kein Buch, das man nach einmaliger Lektüre beiseite legt. – Danke für die Aussage zu „Demokratie“ von Joan Didion. Der Roman war mir bisher völlig unbekannt, aber nach Deiner Empfehlung werde ich ihn lesen.

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  3. Habe das Buch erst kürzlich gelesen und war sehr begeistert. Ich finde auch, leichte Kost ist das nicht, aber es unterscheidet sich von anderen Schreibratgebern durch die Anschaulichkeit der Beispiele und durch die Aufgaben am Ende jeden Kapitels. Es hat mir viel gebracht und neue Ideen geliefert … Ich bin aber noch nicht ganz durch mit den Aufgaben…

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    1. Freut mich, dass Du meine trotz einiger Vorbehalte positive Bewertung dieses Buches teilst. Ich selbst will auch nicht reine Konsumentin bleiben, sondern mir für die weitere Arbeit einige Beiträge aussuchen. Kann gut sein, dass ich mit „Paris – ein Fest fürs Leben“ beginne.

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      1. Es sind 22 Beiträge im Buch, man kann ja gar nicht alle gut finden. Ich habe mir eine Liste gemacht mit Büchern die ich noch nicht kenne, aber lesen möchte weil ich neugierig drauf geworden bin und eine Liste mit Aufgaben, die ich machen möchte. Nach dem lesen des Buches habe ich schon mal vier weg gestrichen – weil ich keinen Nutze für mich darin sehe… Du hast es ähnlich formuliert!? Solange ich was aus einem Buch mitnehme, ist es für mich ein Gewinn. Momentan lese ich einen Ratgeber – der langweilig geschrieben ist und keine einzige Aufgabe reizt mich sie auszuprobieren… Ich hab nicht mal Lust im Blog darüber zu schreiben.

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      2. Man muss für sich selber einen Weg finden, wie man mit dem Buch umgeht. Zum Beispiel so, wie Du es machst. Das Buch enthält viele Angebote bereit, aus denen man wählen und seine eigenen Prioritäten setzen kann.

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