Sheridan Hay: Die Antiquarin

Worum geht’s? Natürlich um Bücher. Aber auch um die Thematik „Abschied und Neubeginn“.

Die Amerikanerin Sheridan Hay erzählt in „Die Antiquarin“ die Geschichte der 18jährigen Tasmanierin Rosemary Savage, die nach dem Tod ihrer Mutter von Die AntiquarinEsther Chapman (Chap), der Mutter und Tochter eng verbundenen Buchhändlerin am Heimatort, auf die weite Reise nach New York geschickt wird, um sich zu lösen, um zu lernen, sich ihr eigenes Leben aufzubauen.

In der Stadt ihrer Träume angekommen, findet Rosemary schon bald eine Anstellung im riesigen Antiquariat Arcade. Sie fühlt sich stark hingezogen zu dem schönen und belesenen Antiquar Oscar, der ihr zwar freundlich gesonnen ist,  ihre Annäherungsversuche aber brüsk zurückweist. Bemüht, trotzdem seine Aufmerksamkeit und Anerkennung zu gewinnen, erzählt sie Oscar von einem Brief, den sie dem nahezu erblindeten Geschäftsführer des Arcade, Walter Geist, vorlesen musste. Darin sei es um ein offenbar verschollenes Manuskript Herman Melvilles gegangen. Oscar, wie elektrisiert, nimmt mit Unterstützung Rosemarys, die glücklich ist, mit ihm zusammenarbeiten zu können, sofort Recherchen auf. Er schwört sie darauf ein, niemandem außer ihm etwas zu erzählen und Geist, dessen Assistentin sie ist, auszuhorchen.

Aber auch ihr Vorgesetzter, der sie begehrt und sie für sich gewinnen will, erwartet von ihr Verschwiegenheit, ja Zusammenarbeit bei einem Plan, den Rosemary (noch) nicht durchschaut. Und da ist auch noch Mr. Mitchell, für die wertvollen Raritäten zuständig; durch eine Bemerkung Rosemarys hellhörig geworden, drängt er die junge Frau, ihm und nur ihm allein unter dem Siegel der Verschwiegenheit alles zu erzählen, was sie über den Vorgang in Erfahrung bringen kann …

Das Potenzial für eine interessante Geschichte ist also vorhanden, und alles in allem fand ich den Roman Sheridan Hays, die übrigens selbst im New Yorker Antiquariat „The Strand“ gearbeitet hat, auch lesenswert. Einige Vorbehalte will ich aber nicht unerwähnt lassen.

Mein größter Einwand richtet sich gegen die Überzeichnung des Personals des Arcade. Wohl in dem Bemühen, originelle, in gewisser Weise auch heimatlose Typen zu schaffen, hat die Autorin schlicht überzogen. Da sind etwa: der Besitzer Mr. Pike, der von sich nur als Mr. Pike spricht, von morgens bis abends auf einem Podest sitzt und die Preise für die Bücher festlegt und ein autoritäres Verhalten an den Tag legt; der Geschäftsführer Walter Geist, ein Albino; die Kassiererin Pearl, eine Transsexuelle; der schwule Arthur aus der Kunstabteilung, der sich am liebsten Fotobände mit Männerakten anschaut; der beziehungsunfähige Oscar, der es weder mit Frauen noch mit Männern kann;  Mr. Mitchell aus dem Raritätenraum, der zu viel trinkt … Wenigstens ist Rosemary „normal“; sie ist eine sympathische, ehrliche und offene junge Frau, wenn auch manchmal etwas naiv.

Bei der Lektüre habe ich mich des öfteren gefragt, zu welcher Zeit die Handlung eigentlich spielt. Ich weiß sehr wohl, dass sich unsere Lebens-, Wohn- und Arbeitsverhältnisse nicht einfach auf die USA übertragen lassen, aber ich hatte bei der Schilderung der Arbeitsweise des Arcade, der Bezahlung und Arbeitszeit der dort Beschäftigten, der ärmlichen Wohnung, die sich Rosemary nimmt usw. zunächst den Eindruck, dass wir uns am Ende der 50er/Anfang der 60er Jahren des 20.Jahrhunderts bewegen. Als Rosemarys Freundin Lillian, die in dem Hotel arbeitet, in dem Rosemary nach ihrer Ankunft erst einmal abgestiegen war, erzählt, ihr Sohn gehöre zu denen, die von den argentinischen Machthabern zur Zeit der Militärdiktatur Anfang der 80er Jahre verschleppt wurden, wird klar, dass wir doch schon ein gutes Stück weiter sind. Für meinen Geschmack wird der Zeitrahmen nicht stimmig dargestellt.

Stimmig dürfte wohl auch nicht sein, dass Mr. Mitchell im Raritätenraum, der die kostbaren Bücher bis hin zu Inkunabeln beherbergt, Pfeife rauchen durfte. Das halte ich nicht einmal in Amerika für möglich. Auch mit der Blindheit von Walter Geist wird etwas beliebig umgegangen. Angeblich hat sich sein Sehvermögen im Laufe des geschilderten Jahres im Arcade zunehmend bis hin zur Erblindung verschlechtert, für einen Blinden bewegt er sich gegen Ende des Romans aber noch flott und selbständig im großen New York.

Ein positiver Aspekt: Sheridan Hay lässt uns sehr einfühlsam an Rosemarys Bemühungen teilhaben, den Tod ihrer Mutter (sie hat die Asche der Mutter mit nach New York genommen) zu verarbeiten, ohne sie zurechtzukommen. Die Szenen, in denen die junge Frau sich immer wieder auf ihre Mutter zurückbesinnt, in denen deutlich wird, wie der Schmerz über den Verlust sie quält, wie allein sie sich fühlt, wie sie mit der Mutter „redet“ – diese Szenen sind sehr berührend, sehr schön. Hier zeigt sich auch, wie wundervoll Sheridan Hay schreiben kann.

Gewiss kein Zufall: Bei dem verschollenen Manuskript Herman Melvilles – hier folgt das Buch der Wirklichkeit – geht es übrigens um „The Isle and the Cross“, die Geschichte eines Mannes, der Frau und ungeborenes Kind verlässt und erst nach 17 Jahren wieder auftaucht. Auch Rosemary ist ohne Vater aufgewachsen (und hofft immer noch darauf, ihm eines Tages zu begegnen).

Alexander Pechmann schildert die Geschichte des nie veröffentlichten, verschwundenen Manuskripts Melvilles übrigens in seiner „Bibliothek der verlorenen Bücher“, ein Buch, das DruckSchrift hier vorgestellt hat.

Kurz zusammengefasst: In „Die Antiquarin“ wird eine interessante, mehrschichtige Geschichte erzählt, zwar etwas zu langatmig und teilweise nicht wirklich stimmig; aber alles in allem bietet das Buch gute Unterhaltung für „Zwischendurch“.

Sheridan Hay
Die Antiquarin
Rowohlt Taschenbuch Verlag (rororo 24387), Hamburg 2008, 430 Seiten

4 Kommentare zu „Sheridan Hay: Die Antiquarin

  1. Mir ging es bei der Lektüre wie dir. Ich fand das Setting toll, die Idee spannend – und dann war’s irgendwie nicht ganz stimmig. Wie du schreibst, zu überzeichnet. Schade eigentlich. LG Mila

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    1. Als hätte es die Autorin zu gut gemeint, zu viel gewollt. Dabei hätte „Die Antiquarin“ ein richtig guter Roman werden können …
      Einen schönen Rest-Sonntag wünscht Ingrid

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  2. Liebe Ingrid,

    das Buch habe ich vor vielen Jahren gelesen und auch wenn ich deine Einwände verstehen kann, hat es mich damals doch irgendwie sehr berührt und angesprochen. Ich weiß nicht warum, aber irgendetwas hat es in mir zum klingen gebracht. Es war vor allem die Atmosphäre des Romans, aber auch die Hauptfigur, mit der ich mich sehr identifizieren konnte, die das Buch für mich so lesenswert gemacht haben.

    In Erinnerungen schwelgende Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara, dass man sich emotional angesprochen fühlt, hat, glaube ich, mit den drei Frauen in diesem Roman zu tun: Rosemary vor allem, aber auch Pearl vom Arcade und Lillian außerhalb des Antiquariats sind „starke Figuren“ und Sympathieträgerinnen, an deren Leben man lebhaft Anteil nimmt. Allerdings gibt es mit dem meist gemiedenen und verachteten Albino Walter Geist (Du erinnerst Dich?) auch eine männliche Figur, deren Schicksal beklemmend ist und mich bewegt hat. Generell aber finde ich nach wie vor, dass die Autorin das Personal des Arcade mit all seinen „Auffälligkeiten“ (zu den von mir Genannten kommen ja noch zwei weitere Männer hinzu, die ich einschließe) überzeichnet hat. Herzliche Grüße, Ingrid

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