Christian Grawe: „Darling Jane“ – eine Jane Austen Biographie

Es wird aber auch langsam Zeit. Die Lücken sind beträchtlich. Deshalb habe ich mir vorgenommen, dieses Jahr zu meinem „Jane Austen-Lesejahr“ zu machen. Mittlerweile bin ich dabei, mein Vorhaben umzusetzen. Als Darling JaneEinstieg habe ich allerdings „Stolz und Vorurteil“ gewählt, einen Roman, den schon länger kenne, dem ich mich aber gern noch einmal widmen wollte. Nicht nur, aber auch wegen Jane Austens spitzer Zunge, wegen ihres Witzes, ihrer Ironie, habe ich das Buch mit Vergnügen gelesen. Als weiteres Lesefutter für die Zeit meines Aufenthalts in der Bretagne habe ich „Die Abtei von Northanger“ dabei – eine eher zufällige Auswahl und nicht eines ihrer wichtigsten Werke. Ich freue mich trotzdem auf die Lektüre.

Um mehr über Leben und Schaffen der zur Klassikerin gewordenen englischen Autorin, die leider nur 41 Jahre alt wurde, zu erfahren, habe ich eine Biografie „eingeschoben“: Christian Grawe’s „Darling Jane“. Grawe einen Experten zu nennen, ist sicher nicht übertrieben: er hat zusammen mit seiner Frau Ursula alle Austen-Ausgaben, die bei Reclam erschienen sind, übersetzt und sich intensiv mit der Schriftstellerin befasst. Und dabei erfahren müssen, dass es kein ganz leichtes Unterfangen ist, den Menschen Jane Austen zutreffend zu erfassen und zu beschreiben.

Es gibt nur wenig zuverlässiges Material. Die wenigen bekannten Aussagen über Wesen und Charakter Jane Austens sind teilweise widersprüchlich. Die wichtigste Informationsquelle ist sicher die Korrespondenz zwischen Jane und ihrer Schweser Cassandra, mit der sie zeitlebens innig verbunden war. Von den Briefen sind aber nicht viele erhalten; teilweise gibt es Lücken über Jahre hinweg. Später veröffentlichte Erinnungen von Nichten und Neffen sind nicht mehr so authentisch und zeichnen angesichts des Ruhms, den ihre Tante inzwischen erlangt hatte, möglicherweise auch ein etwas verklärtes Bild.

Wer hinter den schon damals recht erfolgreichen Romanen wie „Stolz und Vorurteil“, „Verstand und Gefühl“ oder „Emma“ stand, war lange Zeit nicht bekannt, denn Jane Austen veröffentlichte ihre Werke anonym. So ist es nicht verwunderlich, dass das öffentliche Interesse an ihrer Person bis zum Bekanntwerden ihrer Identität kurz vor ihrem frühen Tod gleich Null war und es über den Kreis ihrer Familie hinaus kaum Zeugnisse gibt, die über die Autorin weiteren Aufschluss geben könnten.

Ein Biograf Jane Austens, der sich nicht in Spekulationen verlieren will, hat also eine nicht leichte Aufgabe zu bewältigen.Grawe war sich der engen Grenzen gesicherter Erkenntnisse zweifellos bewusst. Da, wo er sich auf unsicherem Terrain bewegt, wo die literaturwissenschaftliche Forschung keine Gewissheit gebracht hat, wo unterschiedliche Meinungen vertreten werden, weist der Autor deutlich darauf hin.
Sehr erhellend fand ich, dass Grawe neben rein Persönlichem und Privatem aus Janes Leben auch das soziale und politische Umfeld um 1800 beleuchtet. Wir lesen dort u. a. Aufschlussreiches über die „Gentry“, den oberen Mittelstand in England, dem die Austens angehörten und „der nach der höheren Aristokratie den niederen Adel und das landbesitzende Bürgertum umfasste“.

Jane Austens Romane sind ’novels of manners‘, Romane der guten Gesellschaft. Sie spiegeln … die Welt der Gentry und damit Jane Austens eigene soziale Welt und ihre eigenen moralischen Maßstäbe.

Selbstverständlich schildert Christian Grawe auch die Entstehungsgeschichte der Werke Jane Austens. Er bleibt dabei aber nicht stehen, sondern ordnet Austens Schaffen in das literarische Umfeld ihrer Zeit ein und trägt somit nicht nur zum Verständnis ihrer Romane, sondern auch ihrer Rolle in der englischen Literaturgeschichte bei.

Das hier vorgestellte Buch ist eine überarbeitete und erweitere Fassung einer früheren Biografie von Christian Grawe. Es ist sehr informativ und gut zu lesen. Ich hätte sicher (noch) mehr von der Lektüre profitiert, wenn ich mit den Romanen Jane Austens, auf die natürlich immer wieder Bezug genommen wird, schon besser vertraut wäre. Ich arbeite dran.

Christian Grawe
„Darling Jane“
Jane Austen – eine Biographie
Reclam Taschenbuch 20206, 2010, 256 Seiten

11 Kommentare zu „Christian Grawe: „Darling Jane“ – eine Jane Austen Biographie

  1. Vielleicht kennst du es ja schon: Elisabeth Maletzke „Mit Jane Austen durch England“. Klein und fein und wahrlich eine kleine Reise durch den Süden Englands und den Städten und Städtchen, in denen Jane und ihre Familie lebten.

    Liebe Grüße

    Achim

    Gefällt mir

    1. Danke für den Hinweis. Ich kenne das Buch noch nicht, habe aber schon davon gehört. Es passt sicher gut in mein „Jane Austen-Lesejahr“.
      Grüße aus der Bretagne, Ingrid

      Gefällt mir

  2. Wie schön, gerade habe ich „Emma“ beendet und überlegt, ob jetzt nicht ein paar vertiefende Informationen angebracht wären. Dein Hinweis kam wunderbar passend. Viel Freude mit den weiteren Büchern von Austen. Anna

    Gefällt mir

      1. Liebe Ingrid, Danke für die freundlichen Worte. „Emma“ ist wirklich eine Freude. Nun lese ich gerade „Northanger Abbey“ und fand den Einstieg, der die Gothic Novels parodiert, ein wenig ermüdend, da ich mich mit denen nie weiter beschäftigt habe, aber allmählich werde ich warm mit dem Buch. Finde es ganz fein, wenn es mal passt, und man fast zeitgleich die gleichen Bücher liest. LG Anna

        Gefällt mir

      2. Hallo Anna, ich lese momentan auch „Die Abtei von Northanger“ und finde den Roman recht amüsant. In der Biografie von Christian Grawe wird auch darauf hingewiesen, dass der Roman als eine Parodie auf die zum Zeitpunkt seines Entstehens sehr populären Gothic Novels zu verstehen ist. Viel Spaß bei der Lektüre, Ingrid

        Gefällt mir

  3. Ich lese auch sehr gerne Biographien, weil Geschichte erst durch Personen lebendig wird. Ueber Jane Austen habe ich noch keine Biographie gelesen, obwohl es hier in England natuerlich eine Vielzahl von Buechern gibt. Aber wenn ich so Deinen Artikel lese, ist es vielleicht besser, dass ich auch erst noch die Romane von ihr lese, die ich bislang noch nicht geschafft habe. Liebe Gruesse, Peggy

    Gefällt mir

    1. Es hängt sicher auch etwas vom Aufbau der jeweiligen Biografie ab, aber im Fall der von mir vorgestellten ist es schon besser, wenn man das Werk Jane Austens einigermaßen kennt.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s