Alexander Pechmann: Die Bibliothek der verlorenen Bücher

Wie kann ich mich dem Unter-Unter-Bibliothekar gegenüber erkenntlich zeigen? Die Führung durch die seiner Obhut anvertraute „Bibliothek der verlorenen Bücher“ zeichnete sich durch Kompetenz aus, sie war interessant, kurzweilig, ja manchmal amüsant, gelegentlich auch erschreckend. Und dank der Aufmerksamkeit meines Begleiters bin ich auf die Urfassung von „Druckschrift“ Bibliothek der verlorenen Büchergestoßen: die fast viertausend Jahre alte Phaistos-Scheibe, die 242 rätselhafte Symbole enthält. Die Zeichen wurden mit Stempeln in die tönerne Scheibe geprägt, was auf einen verbreiteten Gebrauch dieser „ältesten bekannten Druckschrift“ schließen lässt. Ich hoffe nur, dass die aktuelle „DruckSchrift“ weniger rätselhaft ist, aber eine ähnlich weite Verbreitung findet …

Nun, ich werde mich beim Autor der „Bibliothek der verlorenen Bücher“ für die interessanten Einblicke, die ich gewinnen konnte, mit einer positiven Rezension revanchieren. Sollte auch sein Buch eines Tages wie vom Erdboden verschwunden sein, finden seiner Nachfolger als Unter-Unter-Bibliothekare vielleicht in 50 oder 100 Jahren Hinweise darauf hier im Blog. Auch wenn das Druckwerk selbst dann in keinem Antiquariat der Welt mehr aufzutreiben sein mag: DruckSchrift beweist, dass es das Buch gegeben hat und mindestens einmal gelesen wurde…

Aber ich hoffe natürlich sehr, dass „Die Bibliothek der verlorenen Bücher“ weit mehr Leser findet (und sicher auch schon gefunden hat – es stammt aus dem Jahr 2007). Alexander Pechmann, Autor Herausgeber und Übersetzer, hat sich bisher vor allem mit der englischen und amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts befasst. Hier nun geht es um Bücher, die

im Lauf der letzten Jahrhunderte durch Zufälle oder Unfälle, im Wahn, im Zorn oder mit kaltblütiger Absicht von Autoren, Verlegern, Erben, Anwälten, Pfaffen, Pädagogen, Tyrannen, Soldaten, Zensoren und Lesern vernichtet wurden, die Naturgewalten zum Opfer fielen, die an geheimen Orten versteckt oder in unverständlichen Sprachen und unentzifferbaren Schriften verfasst wurden, so dass sie von niemandem gelesen werden können.

Pechmann hat die Geschichte solcher Bücher, Manuskripte, Aufzeichnungen – die vielfach untrennbar mit dem Schicksal ihrer Autoren verbunden ist – gesammelt und in diesem Band zusammengefasst. Das Zitat oben zeigt schon die ganze Bandbreite, denn es gibt unzählige Gründe dafür, dass Werke heute nicht (mehr) oder nur fragmentarisch zur Verfügung stehen.

Ein paar Beispiele:

Manchmal liegen Pech und Glück dicht beieinander. Das zeigt die Geschichte des englischen Autors Malcom Lowry. Das Manuskript seines Erstlings „Ultramarin“ steckte in der Aktentasche seines Lektors, die in einem kurzen unbewachten Moment aus dessen Auto gestohlen wurde; dass Lowrys Freund Martin Case die Entwürfe einer ersten Fassung heimlich aus dem Papierkorb gefischt hatte, machte es dem Unglücksraben möglich, das Buch noch einmal zu schreiben. Das Manuskript zu einem weiteren Roman, „The Ballast of the Sea“, war nahezu fertig gestellt, als Lowrys Hütte in Flammen aufging und diese sowie weitere Arbeiten für immer vernichtete. Nur dem wagemutigen Einsatz seiner Frau war es zu verdanken, dass eine von mehreren Fassungen eines anderen Werkes, „Unter dem Vulkan“, aus den Flammen gerettet wurde und so der literarisch interessierten Welt erhalten blieb.

Eine Erkenntnis aus Pechmanns Buch ist: Autoren (oder deren Ehefrauen), die Manuskripte mit sich herumschleppen, sollten Bahnhöfe meiden. Natürlich fehlt in dieser Sammlung nicht die Geschichte von Hemingways Ehefrau Hadley, der auf der Bahnfahrt von Paris nach Lausanne der Koffer mit den frühen Arbeiten des später so berühmten Amerikaners abhanden kam. Auch T.E. Lawrence wurde die lange Wartezeit auf dem Bahnhof von Reading zum Verhängnis. Er „bezahlte“ die Kaffeepause mit dem Verlust der ursprünglichen Fassung von „Die sieben Säulen der Weisheit“.

Nicht wenige Autoren vernichteten ihre Papiere oder Teile davon selbst – weil sie, wie zum Beispiel Thomas Mann, bestimmte Aufzeichnungen für zu persönlich und ihr Bekanntwerden für zu riskant hielten.

Im Fall der Lady Byron zerrissen deren Anwälte – ohne sie gelesen zu haben – die Tagebuchaufzeichnungen des verstorbenen Lord Byron, von denen erwartet wurde, dass sie mehr als reichlich Stoff für Klatschmäuler enthielten.

Prosper Mérimée, dem wir die berühmte Novelle „Carmen“ verdanken, war schon ein Jahr tot, als 1871 seine umfangreiche Bibliothek und damit auch sein gesamter schriftlicher Nachlass in Flammen aufging. Von seiner eigenen schriftstellerischen Arbeit hatte er wohl keine besonders hohe Meinung: mindestens eins seiner frühen Werke, eine Prosatragödie über Cromwell, verbrannte er eigenhändig. Nebenbei gesagt: Er hatte wohl ohnehin ein sehr freies Verhältnis zur Literatur – und zur Wahrheit. So veröffentlichte er einen frei erfundenen Reisebericht über eine Reise, die noch gar nicht stattgefunden hatten. Der Erlös aus dem Verkauf des Buches sollte dann die eigentliche Reise finanzieren.

Das Beispiel Mérimée macht deutlich, dass der Unter-Unter-Bibliothekar nicht stur über verloren gegangene Werke referiert, sondern auch ein oft erhellendes Schlaglicht auf die Biografie, die Eigenheiten und andere Arbeiten – veröffentlicht oder nicht – der fraglichen Schriftsteller wirft.

Oft ist in Pechmanns Buch von Autoren die Rede, die ihrem eigenen Werk gegenüber dermaßen kritisch waren, dass sie die Manuskripte lieber ins Feuer warfen, als sie zu veröffentlichen. Auch die Angst vor staatlichen Repressionen, vor der Gefährdung des eigenen Lebens oder des Lebens von Freunden, ist ein häufig anzutreffendes Motiv.

Neben individuellen Gründen und Schicksalen gibt es globale Auslöser für Büchervernichtungen großen Stils, über die Alexander Pechmann berichtet: großflächige Brände, Kriege, politische oder religiöse Verfolgung haben Werke und Werte von unschätzbarem Ausmaß unwiederbringlich ausgelöscht.

Interessant auch das Kapitel über imaginäre Bibliotheken und deren „Bücherbestände“; oft haben in diese nur in der Phantasie der Autoren existierende Bibliotheken „echte“ Bücher Aufnahme gefunden, oft waren aber auch die Bücher selbst fiktiv.

Die bekannteste dieser Imaginären Bibliotheken dürfte die „Bibliothek von Babel“ von Jorge Luis Borges sein. Dessen Satz „Die bloße Möglichkeit eines Buches ist hinreichend für sein Dasein“ dient als passendes Leitmotiv für „Die Bibliothek der verlorenen Bücher“.

Wenn Ihr nach dem informativen Rundgang (oder der Lektüre dieses Beitrags in DruckSchrift) bedauert, das eine oder andere der leider verschollenen Bücher nicht lesen zu können, aber Lust zu intensiverer Beschäftigung mit vorgestellten Autoren verspürt, findet Ihr am Ende des Pechmann-Buches eine ausführliche Literaturliste.

Wenn Ihr aber erst einmal selbst durch die endlosen Räume und Gewölbe der „Bibliothek der verlorenen Bücher“ streifen wollt, steht Euch der Unter-Unter-Bibliothekar für eine Führung zur Verfügung. Ja, ich bin mir sicher: er würde sich über Euren Besuch sehr freuen. Bestellt ihm einen schönen Gruß von mir.

Alexander Pechmann
Die Bibliothek der verlorenen Bücher
Aufbau Verlag 2007, 226 Seiten

6 Kommentare zu „Alexander Pechmann: Die Bibliothek der verlorenen Bücher

    1. Freut mich, dass wir in der Beurteilung der „Bibliothek verlorener Bücher“ einer Meinung sind. Das „Haus des Bücherdiebs“ – vielen Dank für den Hinweis – ist ganz bestimmt etwas für mich. Herzliche Grüße aus der Bretagne, Ingrid

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  1. Liebe Ingrid,
    danke für diese wunderbare Vorstellung eines Buches, das ich bisher nicht kannte, dessen Cover mich aber bereits verführt, sofort einen Blick hineinzuwerfen. Die Bestellung habe ich gerade bereits abgeschickt und bin schon ganz gespannt. 🙂

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