Jostein Gaarder: Der Geschichtenverkäufer

Eine gewöhnliche Kindheit ist das nicht. Dem kleinen Petter graut davor, dass Nachbarsjungen klingeln und ihn zum Spielen auffordern könnten. Er bleibt lieber allein zu Hause und taucht in seine blühende Phantasiewelt ein. Schon früh liest er mit Begeisterung dickbändige Werke über Der GeschichtenverkäuferLiteratur- und Musikgeschichte oder Lexika von A – Z. Gern begleitet der Junge seine Mutter in die Oper und ins Kino. In der Schule ist er ein richtiger Überflieger, der außer in Sport ständig Bestnoten schreibt. Die Hausausgaben erledigt er „mit Links“ und schreibt Aufsätze in mehreren Varianten. Schon bald erledigt er im Tausch gegen einen kleinen Obulus in Form von Süßigkeiten oder Gefälligkeiten Hausaufgaben für andere Schüler mit, wobei er sorgsam darauf achtet, auf deren Leistungsniveau zu bleiben.

Aber Petter ist nicht nur ausnehmend intelligent. Er hat eine geradezu überbordende Phantasie und erfindet Geschichten am laufenden Band. Als junger Mann fängt er an, seine Ideen für Geschichten zu notieren, Szenarien zu entwickeln, Synopsen zu schreiben. Er heftet die Papiere sorgsam ab, denn er hat keine schriftstellerischen Ambitionen. Aber er ist knapp bei Kasse. Und so bietet er einem ihm flüchtig bekannten jungen Schriftsteller ein Manuskript an. Absolut vertraulich und mit der Zusage an den Autor, der Einzige zu sein, dem ein solches Angebot gemacht wird. Geforderte Gegenleistung: Übernahme der Kosten für den gemeinsam in der Kneipe getrunkenen Wein und 50 Kronen.

Der erste Schriit zur Gründung des – wie Petter es später nennt – Autorenhilfswerks ist getan. Petter findet unter Schriftstellern, denen die Ideen ausgegangen sind, reichlich Abnehmer für seine Geschichten, die ihn mit der Zeit zu einem vermögenden Mann machen. Nachdem er seine Entwürfe zunächst für einen Festpreis verkaufte, verlangt er mittlerweile, auch an den Tantiemen beteiligt zu werden. Er seinerseits garantiert absolute Verschwiegenheit und weiß jedem einzelnen Kunden den Eindruck zu vermitteln, die absolute Ausnahme zu sein. Doch eines Tages droht das immer weiter gespannte geheime Netz zu reissen …

Der Norweger Jostein Gaarder, bekannt geworden durch „Sofies Welt“, verkauft uns hier eine Geschichte, die man wohl als Persiflage auf den Literaturbetrieb verstehen muss/soll. Oder? Ist der Gedanke, dass es Ideenlieferanten für Schriftsteller auch in der Realität geben könnte, so abwegig? Ich weiß es nicht, aber bei  d e m  Massenaustoß an Belletristik würde es mich nicht einmal wundern. Und es gibt ja auch Menschen, die die Pointen für Unterhaltungskünstler à la Harald Schmidt & Co. schreiben …

Zurück zu Gaarders „Geschichtenverkäufer“: Der ist ein kühler, selbstbewusster, ja selbstverliebter und hoch intelligenter Mann. Er erweist sich als bindungsunwillig und bindungsunfähig, doch dann trifft er mit Maria eine Frau, die ihn fasziniert und die es mit ihm aufnehmen kann. Die Beziehung zu ihr hat weitreichende Folgen für sein Leben.

Fesselnd erzählt wird die Geschichte des Geschichtenverkäufers Petter, der „Spinne“, nicht. Sie plätschert lange vor sich hin, was – in Verbindung mit Wiederholungen – die Aufmerksamkeit nicht gerade fördert. Zudem weist sie die eine und andere Ungereimtheit auf. Während der Lektüre macht sich denn auch des öfteren Langeweile breit. Zum Beispiel dann, wenn die Geschichten, die Petter ersinnt, über mehrere Seiten lang und breit geschildert werden. Eine Bedeutung dieser „Geschichten in der Geschichte“ für den Fortgang der Erzählung habe ich nicht erkennen können, und ich hatte auch keine Lust, sie rückblickend noch einmal nachzulesen. Allerdings gibt es eine große Ausnahme, die für den Ausgang des Romans wesentlich ist: die (wiederholte) Geschichte des Zirkusmädchens Panina Manina, die Petter seiner kleinen Tochter vor vielen Jahren erzählt und die er danach nicht mehr wiedergesehen hat.

Kurz: „Der Geschichtenverkäufer“ hat mich nicht hundertprozentig überzeugt. Die Geschichte wird über weite Strecken zu ausschweifend erzählt; erst etwa im letzten Drittel kommt etwas Spannung auf. Mir kommt es vor, als sei ein interessantes Thema vom Autor „unter Wert verkauft“ worden. Ein Buch, das man lesen kann, aber nicht gelesen haben muss.

Jostein Gaarder
Der Geschichtenverkäufer
Deutscher Taschenbuch Verlag 2004, 272 Seiten

12 Kommentare zu „Jostein Gaarder: Der Geschichtenverkäufer

  1. Liebe Ingrid,
    ich fand das Buch auch eher lapidar, wenn ich auch die Idee spannend finde, die vielleicht Gaarders Situation als Autor wiedergibt.
    Liebe Grüße
    Klausbernd

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      1. Das habe ich auch überlegt. Ich weiß es leider nicht mehr. Ich weiß nur, dass es nicht Sofie war. Und ich glaube, es könnte das mit dem Spiegel gewesen sein. Aber ich weiß leider nicht.

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  2. Vielen Dank für die Vorstellung. Das Buch habe ich in der Originalsprache gelesen. Ich freue mich immer sehr, wenn ich norwegische Schriftsteller in den Blogbeiträgen finde. 🙂
    Herzliche Grüße
    Dina

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      1. Ich weiß, dass die Urteile über den „Geschichtenerfinder“ sehr weit auseinander gehen. Ich habe den Roman, wie Du gemerkt hast, eher verhalten aufgenommen.

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    1. Das glaube ich gern, dass Du Dich über norwegische Schriftsteller in Blogbeiträgen freust. Das gilt aber hoffentlich auch dann, wenn die Besprechung ihrer Bücher nicht so ganz toll ausfällt … Herzliche Grüße, Ingrid

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