Alberto Manguel über Bücher, Bibliotheken und Lektüren

Alberto Manguel (Foto: Wikipedia)
Alberto Manguel (Foto: Wikipedia)

Im Nachgang zu der Vorstellung seines „Tagebuch eines Lesers“ hier ein paar Zitate. Es handelt sich immer um Aussagen Manguels, nicht der Autoren seiner Lieblingsbücher.

  • Physiker stellen sich vor, dass das Universum vor seiner Entstehung in einem Zustand der Latenz verharrte, Zeit und Raum blieben bis zum Urknall in der Schwebe. Die Latenz dürfte Leser nicht überraschen, für die jedes Buch in einer Art Schlummer verharrt, bis es durch die Hände, die es aufschlagen, und die Augen, die es durchstöbern, zum Leben erweckt wird.

(zu finden in: Vorbemerkung)

  • Damit uns ein Buch anzieht, muss es vielleicht zwischen der Ebene unserer Erfahrung und der des Textes, zwischen zwei Vorstellungswelten, der unseren und der auf dem Papier, ein Band der Übereinstimmungen herstellen.

(zu finden im Kapitel Juni: Adolfo Bioy Casares, Morels Erfindung)

  • Jahrelang habe ich meine Bücher aus Platzmangel in Speichern gelagert. Nachts glaubte ich zu hören, wie sie nach mir riefen. Jetzt stehe ich lange mitten unter ihnen, überflutet von Bildern, erinnerten Sätzen, Zitaten in zufälliger Folge, Titeln und Namen.

(zu finden im Kapitel Juni)

  • Wir lesen, was wir lesen wollen, und nicht das, was der Autor geschrieben hat.

(zu finden im Kapitel August: Rudyard Kipling, Kim)

  • Ich erkunde meine Bibliothek wie jemand, der nach jahrzehntelanger Abwesenheit in die Heimat zurückkehrt. Jedesmal, wenn ich meine Buchexkursionen abbreche, muss ich ihren Verlauf nachzeichnen, Verbindungslinien von Regal zu Regal ziehen und Titel heraufrufen, an die ich Wochen nicht gedacht habe.

(zu finden im Kapitel Oktober: Sir Arthur Conan Doyle, Das Zeichen der Vier)

  • An der Tür meiner Bibliothek habe ich eine Variation zum Spruch über Rabelais‘ Pforte von Thélème gehängt: ‚Lys ce que voudra‘ – ‚Lies, was du willst‘.

(zu finden im Kapitel Oktober)

  • Die Bücher, die sich neben meinem Bett stapeln, scheinen mir im Schlaf vorzulesen. Bevor ich das Licht lösche, blättere ich eins durch, lese ein par Absätze, nehme mir das nächste vor. Nach ein paar Tagen habe ich den Eindruck, sie alle zu kennen.

(zu finden im  Kapitel November: Adelbert von Chamisso, Peter Schlemihls wundersame Geschichte)

  • Bücher anderer Leute habe ich ungern im Haus. Entweder will ich sie behalten oder sofort zurückgeben. Geborgte Bücher haben etwas von Besuchern, die ihren Aufenthalt überziehen. Ihre Lektüre hat für mich etwas Unvollkommenes, Unbefriedigendes. Das trifft auch auf Bibliotheksbücher zu.

(zu finden im Kapitel Januar: Miguel de Cervantes, Don Quijote)

  • Mit dem Listenmachen ist eine gewisse magische Willkür verbunden, als wäre schon die Verknüpfung der Punkte sinnstiftend.

(zu finden im  Kapitel März, Sei Shonagon, Das Kopfkissenbuch)

  • Heute morgen sah ich die Bücher in meinen Regalen stehen und dachte, dass sie von meiner Existenz nichts wissen. Sie werden lebendig, weil ich sie aufschlage und umblättere, und doch wissen sie nicht, dass ich ihr Leser bin.

(zu finden im Kapitel März)

2 Kommentare zu „Alberto Manguel über Bücher, Bibliotheken und Lektüren

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