Alberto Manguel: Tagebuch eines Lesers

Der aus Argentinien stammende Alberto Manguel ist ein überaus belesener Schriftsteller und Literaturdozent. Aus seiner Feder stammen diverse Bücher über Bücher und über das Lesen. Unter diesen Umständen Tagebuch eines Lesersmusste DruckSchrift früher oder später auf ihn stoßen.

Zu den Veröffentlichungen Manguels gehören „Eine Geschichte des Lesens“, „Eine Stadt aus Worten“ und „Die Bibliothek bei Nacht“. Hier aber geht es jetzt um sein „Tagebuch eines Lesers“.

Im Jahr 2002 hatte Manguel beschlossen, seine alten Lieblingsbücher (nicht selten aus seiner Jugendzeit) wieder einmal zu lesen. Das Vorhaben war auf ein Jahr angelegt; für jeden Monat wählte Manguel einen Titel aus. Und er machte während dieser Lesephase Erfahrungen, die ihn selbst nicht selten erstaunen ließen:

Eine Romanpassage ließ eine Zeitungsnotiz plötzlich in einem anderen Licht erscheinen, eine fast vergessene Episode wurde mir durch eine beliebige Szene ins Gedächtnis zurückgerufen; ein einziges Wort wurde zum Auslöser langer Überlegungen.

Solche Momente hielt Manguel schriftlich fest.

Das Zitat macht deutlich, was die Leser/innen seines Tagebuchs erwartet. Es geht hier kaum um Inhaltsbeschreibungen der ausgewählten 12 Titel; hier werden Notizen, Reflexionen, Reiseeindrücke aufgeschrieben. Manguel stellt Verbindungen zu anderen Autoren her, fügt Zitate aus deren Werken an, stellt Zusammenhänge her; er reflektiert politische Ereignisse aus den Anfängen des 21. Jahrhunderts auf dem Hintergrund seiner wiederholten Lektüren.

Das nochmalige Lesen zeigt auch, dass das Urteil über bestimmte Bücher nicht unbedingt lebenslänglich Bestand hat, sondern dass die Aufnahme und Bewertung von literarischen Texten auch situations-, erfahrungs-, stimmungsabhängig ist.

Das „Tagebuch eines Lesers“ ist – wie sollte es bei einem Tagebuch auch anders sein – ein sehr persönliches Buch. Es ist auf jeden Fall lesenswert, wenn auch für diejenigen, die keine oder nur einige der ausgewählten Titel kennen, manchmal etwas schwierig. Zu den Letzteren muss ich mich zählen. Ich verdanke Manguels Tagebuch aber Anregungen für meine eigene Lektüre, denn der Autor hat mir  einige interessante Autoren näher gebracht.  Das „Tagebuch eines Lesers“ als Quelle der Inspiration? Ja, durchaus. Vor allem aber habe ich mich dabei ertappt, wie bei der Lektüre mein Blick immer wieder über meine eigenen Bücherregale schweifte: Manguels Tagebuch ist ein starker Anreiz, sich die eigenen Favoriten aus früheren Jahren wieder einmal vorzunehmen.Überraschungen nicht ausgeschlossen.

Alberto Manguels Auswahl umfasst die folgenden Titel:

  • Adolfo Bioy Casares: Morels Erfindung
  • H. G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau
  • Rudyard Kipling: Kim
  • Chateaubriand: Erinnerungen von jenseits des Grabes
  • Sir Arthur Conan Doyle: Das Zeichen der Vier
  • Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte (eigens für die deutsche Ausgabe verfasst)
  • Kenneth Grahame: Der Wind in den Weiden
  • Miguel de Cervantes: Don Quijote
  • Dino Buzatti: Die Tatarenwüste
  • Sei Shonagon: Das Kopfkissenbuch
  • Margret Atwood: Der lange Traum
  • Machado de Assis: Die nachträglichen Memoiren des Brás Cubas

Am Rande notiert: Es ist schon interessant, dass mir das „Kopfkissenbuch“ von Sei Shonagon innerhalb kurzer Zeit zum dritten Mal begegnet: zuerst in Hanns-Josef Ortheil’s Schreiben dicht am Leben; kürzlich in einer Besprechung in Philea’s Blog und jetzt hier. Wenn das keine nachdrückliche Aufforderung an mich ist, das Büchlein jetzt endlich selbst einmal zu lesen …

Alberto Manguel
Tagebuch eines Lesers
Fischer Taschenbuch 2007, 240 Seiten

8 Kommentare zu „Alberto Manguel: Tagebuch eines Lesers

  1. Na, dieses Buch werde ich mir aufgrund dieser Vorstellung besorgen! Da ich einige der Bücher gelesen habe, die Manguel hier wieder gelesen hat, freue ich mich auf ein eigenes Wiederlesen-Experiment. Danke für die engagierte Buchvorstellung. Und übrigens: Ein ganz hervorragender Blog ist das hier!

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    1. So ein dickes Lob am frühen Morgen 🙂 Vielen Dank! (Diesen letzten Satz könnte man unverändert auf Sätze&Schätze übertragen, dessen Mitautor Du ja seit einiger Zeit bist.) – Freut mich, dass Manguels „Tagebuch eines Lesers“ Dein Interesse gefunden hat.

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      1. Dank zurück 🙂 Ich gebe es auch an die Chefin weiter! Das Tagebuch bereits auf dem Merkzettel für die Buchhandlung.

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  2. Zuerst einmal sehe ich, dass du ein neues Design für dein schönes Blog gewählt hast. Dann muss ich gestehen, dass ich von diesen Büchern nur einige dem Namen nach kenne, aber kein einziges gelesen habe. Dem Autor Manguel höre ich sehr gerne zu, wenn er spricht. Seine ruhige Art und gekonnt von einer Sprache in die andere zu wechseln, mag ich sehr. Vielleicht würde ich deshalb lieber zuhören, wenn er von seiner Buchauswahl zu mir sprechen würde.

    LG buechermaniac

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    1. Die von Manguel getroffene Buchauswahl war für mich auch ein gewisses Problem, wie ich schon in der Antwort an Mara geschrieben habe. Ich habe die Tagebuchaufzeichnungen schließlich vor allem als Anregung verstanden, bestimmte Bücher und Autoren (vor allem Machado de Assis hat mein Interesse gefunden) neu zu entdecken.Grüße in die Schweiz, Ingrid

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  3. Liebe Ingrid,
    ich habe das Buch vor einigen Jahren gelesen, nicht an einem Stück, sondern immer abschnittsweise. Es lag lange Zeit in meiner Toilette. Ich habe es als anregende Lektüre empfunden, die mich leider aber nicht ganz überzeugen konnte, da ich einfach zu wenige der angesprochenen Bücher kannte. Trotzdem fand ich die Idee hinter dem Buch sehr schön und habe gerne durchgeblättert …

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Das, liebe Mara, ist genau das Problem: die von Manguel ausgewählten Autoren und Titel sind hierzulande vielfach kaum bekannt. Und wenn man sie nicht kennt – da bin ich offensichtlich keine Ausnahme -, ist es manchmal recht schwer, die Aufzeichnungen Manguels nachzuvollziehen, und man kann dessen Eindrücke nicht dem den eigenen vergleichen. Dennoch fand ich die Lektüre des Tagebuchs insgesamt gesehen anregend.

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