Martyn Lyons: Das Buch

Eine illustrierte Geschichte

Es gibt Bücher, in die verliebt man sich auf der Stelle. Man nimmt sie in die Hand, schlägt sie auf, blättert die ersten Seiten um, und schon ist es passiert: dieses Buch mag man nicht mehr hergeben. Martyn Lyons‘ „Das Buch“ ist ein solches Buch.

Martyn Lyons Das BuchLesbarer und optisch ansprechender kann man die Geschichte des Buches kaum vermitteln.

Das Buch umfasst die ganze Spannweite – von den ersten, in Keilschrift verfassten  Texten bis zum E-Book. Eine ungeheure Menge an Stoff also, doch man fühlt sich keine Sekunde überfordert, erschlagen. Die Geschichte des Buches wird in kleinen Häppchen serviert. Die meisten Kapitel umfassen nur eine Doppelseite, manchmal werden drei Seiten, gelegentlich auch schon einmal vier Seiten beansprucht. Diese Aufteilung in kurze Abschnitte  hat den Vorteil, dass man sich der Thematik leicht nähern kann und bei unvermeidlichen Unterbrechungen der Lektüre nicht so schnell den Faden verliert.

Was genau erwartet uns Leserinnen und Leser denn nun?

Die Tour durch die wunderbare Bücherwelt hat der Autor in 5 große Etappen unterteilt:  Die erste führt uns in die Antike und das Mittelalter. Themen sind u. a. die frühesten Schriftzeugnisse (Mesopotamien, China, Japan), das antike Griechenland, die Entwicklung von der Schriftrolle zum Kodex (gebundenes Buch) und die bedeutende Rolle der Klosterbibliotheken.

Der zweite Block ist der Frühzeit des Buchdrucks gewidmet (Erfndung, Ausbreitung in Europa und der Welt, Reformation und Inquisition, berühmte Drucker wie Aldus Munitius).

In der  folgenden 3. Etappe beschäftigt  sich der Autor mit der Auklärung und ihren Folgen (fortschreitende Lese- und Schreibfähigkeit und ihre Konsequenzen für den Buchmarkt, Kampf ums Urheberrecht,  Buchgestaltung und Buchkunst,  Aufkommen der „Volksbücher“ und Almanache).

„Der Verleger betritt die Bühne“ lautet die Überschrift des 4. Blocks, der u. a. die Mechanisierung des Buchdrucks, den Aufstieg der Buchhandlung und das Entstehen von Leihbüchereien und Groschen- und Fortsetzungsromanen zum Inhalt hat.

Schließlich geht es im 5. Komplex um „Wissen für Alle“: Neue Technologien,  Konsumkultur in der Weimarer Reöpublik,  Feinde des Buches, Globalisierung und kulturelle Identität.

Die genannten sind nur einige Stichpunkte von vielen möglichen, denn das Buch des aus Großbritannien stammenden Autors Lyons lässt kaum einen Aspekt bei der Beschreibung der Entwicklungsgeschichte des Buches aus. Dabei blickt der Autor dankenswerterweise auch über den europäischen Tellerrand, etwa wenn er sich den frühen  Kodizes der Maya und Azteken  zuwendet, aktuelle  japanische Mangas beleuchtet oder ein Kapitel  der modernen arabischen Welt widmet.

Das Buch glänzt aber nicht nur durch den sachkundigen und gut lesbar geschriebenen Text. Jeder Abschnitt ist wunderbar und zumeist mehrfach illustriert und bietet somit auch hochgradiges und hochwertiges Sehvergnügen.

Was sagt denn nun der Experte, der sich mit der Vergangenheit des Mediums bestens auskennt, zur Zukunft des Buches? Ist das Buch wirklich in der Krise, ja vom Aussterben bedroht,  wie vielfach angesichts der neuen Medien behauptet wird? Lyons verweist darauf, dass von Jahr zu Jahr mehr Titel produziert werden und fährt fort:

Die sogenannte Krise des Buches ist tatsächlich vielfach nur eine Krise des westlichen Literaturkanons …  In den letzten 60 Jahren [hingegen] sind die kulturellen Hierarchien mehr und mehr ins Wanken geraten … Diejenigen, die behaupten, das Buch befinde sich in der Krise, sind oft dieselben, die über das Verschwinden traditioneller kultureller Hierarchien jammern.

Probleme dieser Art haben nur die wohlhabenden westlichen Gesellschaften. In Afrika oder Südamerika, wo die Analphabetenraten mit rund 20 Prozent viel höher liegen und der Zugang zu Computern und E-Books stark eingeschränkt ist, sind nur selten besorgte Debatten über das Verschwinden des Buches aus dem Alltag zu hören … Wo kaum verlässliche Stromnetze existieren, kann das gute alte Buch all seine Vorteile ausspielen. Es ist tragbar, haltbar und wiederverwendbar, und es braucht weder Batterien noch Wartung. Im Westen mögen wir die Tatsache, dass das Bücherlesen keinerlei Regeln mehr unterworfen ist, begrüßen oder bedauern. Anderswo auf der Welt bleibt die Notwndigkeit, Menschen den Zugang zu Büchern zu erleichtern, eine enorme Herausforderung für die Zukunft.

Ich bin keine prinzipielle Gegnerin des E-Books, aber es gibt Bücher, deren Lektüre ich mir auf einem elektronischen Reader nur schwer vorstellen kann. Martyn Lyons „Das Buch“ gehört dazu. Ich liebe es in gedruckter Form.

Mit dem Erwerb  kann man nichts falsch machen. Ob man sich selber eine Freude machen oder Bücherfreunde mit einem schönen Geschenk überraschen will: Martyn Lyons‘ „Das Buch“ ist die richtige Wahl.

Martyn Lyons
Das Buch. Eine illustrierte Geschichte.
Gerstenberg Verlag Hildesheim, 2012, 224 Seiten

11 Kommentare zu „Martyn Lyons: Das Buch

  1. Liebe Ingrid,
    ich las dieses Buch gleich nachdem es hier in England herauskam und finde es auch absolut empfehlenswert für jeden Buchfreund. Wie bei den meisten solcher Bücher findet man natürlich viele Infos, die bekannt sind, aber sie werden im anmutigen Stil dargeboten, fein illustriert und reflektiert. Ich kann dir nur zustimmen: Mit diesem Buch über Bücher kann man nichts falsch machen.
    Liebe Grüße von der windigen Küste Norfolks
    Klausbernd
    P.S.: Ich glaube, wir stellen oft die Frage falsch, ob das Buch überlebt. Da gebe ich Jarg recht, keine Frage, das ist klar. Die Frage lautet doch wohl eher, wie lange wird solch ein Gadget wie ein eBook-Reader überleben.

    Gefällt mir

    1. Das ist ja mal eine interessante Frage: die nämlich, wie lange wohl ein Gadget wie ein eBook-Reader überleben wird. Ich kann mich an keine auf diesen Punkt zugespitzte Diskussion erinnern, aber das mag daran liegen, dass eBooks mich nicht sonderlich interessieren. Grüße nach Norfolk, Ingrid

      Gefällt mir

      1. Gute Frage. Immerhin haben eBook-Reader gegenüber hoch aufgerüsteten Gadgets wie Tablets, iPads etc einen großen Vorteil: die Technik ist relativ simpel und sie können kaum mehr als eBook-Reader sein (meistens jedenfalls), was für ihre Haltbarkeit spricht (man merkt, ein wenig liebe ich mein Gerät „Xxxx Xxx“).
        Aber die Fragen spitzen sich dabei auf einer weiteren Ebene zu: Werden wir in zwanzig Jahren noch das eBook im ePub-Format lesen können, dass wir heute für uns gegen Geld lizensiert haben (kaufen kann man eBooks ja meist nicht)? Wird es noch alle Bücher gedruckt geben? Werden Bibliotheken endlich das Recht haben, alle (wirklich alle) virtuellen Bücher, die erscheinen, zeitlich begrenzt Bürgerinnen und Bürgern zu überlassen (wie heute bei Printmedien)? Werde ich meinen Kindern meine eBook-Bibliothek – so ich denn eine hätte – vererben können (bzw. die Lizenzrechte)? Und damit sind wir u.a. bei der aktuellen hitzigen Diskussion ums Urheberrecht, dass sich zum Teil (s. rezensierter Titel) heute den gleichen Fragen und Begehrlichkeiten stellt wie vor 100, 200 Jahren im analogen Bereich.
        Wir dürfen gespannt sein …

        Gefällt mir

    1. Auch für mich ist das gedruckte Buch nach wie vor eine wunderbare Sache – mit „systemimmanenten“ Qualitäten, die ein E-Book nicht haben kann. Dabei will ich das E-Book gar nicht verteufeln. Es hat sicher auch seine Vorzüge, aber, wie Jarg in seinem Kommentar schreibt: dem E-Book fehlt die besondere Sinnlichkeit.

      Gefällt mir

  2. Das Buch an sich ist wie der Löffel – ein unglaublich ausgereifter Gegenstand, der nach meiner festen Überzeugung nicht mehr verschwinden wird. Das zeigt auch dieses von Dir so schön beschriebene Buch auf das Beste.
    Ein Buch wie das beschriebene elektronisch zu lesen mag ich mir – trotz der mitlerweile entdeckten Vorteile von E-Book-Readern – auch nicht vorstellen, weil das Buch auch eine besondere Sinnlichkeit hat, die elektronischen Geräten absolut abgeht. Was wäre das auch für eine Welt, in der wir nur noch im Virtuellen wühlen und statt Buchhandlungen, Bibliotheken etc. nur noch leere, applestoregleich Kathedralen der Dateiverwaltung hätten?

    Gefällt mir

  3. Ich schätze das ebook lesen sehr aus verschiedenen Gründen. Aber das besondere Gefühl ein besonderes Buch in den Händen zu haben, erlebe ich damit nicht. Ich habe viele Jahre im Buchhandel gearbeitet und die Branche unkt seit ewigen Zeiten über das Aussterben des Buches. Ich glaube nicht daran. Es mag sich vieles verändern, aber das Buch bleibt. Ich schenke mir jetzt ein Glas Wein ein, nehme das nächste „echte“ Buch, das ich lesen werde aus dem Regal und trinke auf die besonderen Bücher in meinem Leben und auf so schöne Blogs, wie der deine. Zum Wohl! 🙂

    Gefällt mir

    1. Mit der Einschränkung, dass ich selbst (noch) keine Erfahrung mit E-Books habe, kann ich Deine Aussagen nur unterstreichen. Danke für den Kommentar und die nette Äußerung zu DruckSchrift.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s