David Belbin: Der Hochstapler

Keine Hochstapelei: Wer sich ein paar Stunden gut unterhalten und dabei in die Welt der Literatur (und des Literaturbetriebs) eintauchen möchte, ist mit diesem Buch gut bedient.

David Belbin Der HochstaplerSo hatte sich der junge Engländer Marc Trace seine Karriere nun wirklich nicht vorgestellt: Schriftsteller wollte er werden. Das war sein großes, unverrückbares Ziel. Und Schreiben konnte er. Wobei er schon als Schüler eine bemerkenswerte Fähigkeit erkennen ließ: er konnte sich enorm gut in andere Autoren hineinversetzen, sich ihren Stil zu eigen machen. Kurz: so gut (oder zumindest fast so gut) schreiben wie das Original.

In der Klasse stand David Copperfield von Dickens auf dem Lehrplan. Die Hausaufgabe: „Ich möchte“  – so der Englisch-Lehrer –

„dass ihr so tut, als wärt ihr Dickens. Schreibt den Anfang des nachfolgenden Kapitels. Wenn ihr wollt, dürft ihr es vorher lesen. Aber eures muss sich unterscheiden. Ihr habt freie Hand, was die Handlung betrifft, aber ihr sollt versuchen, Dickens‘ Ton zu treffen.“

Das Ergebnis fällt so „echt Dickens“ aus, dass der Englisch-Lehrer Trace Mogelei unterstellt und ihm vorwirft, den Text irgendwo abgekupfert zu haben.

Trace will von den großen Schriftstellern lernen. „Fingerübungen“ nennt er das, was er, unter dem Eindruck dieser schulischen Erfahrung, zu Übungszwecken beginnt: Während eines einjährigen Aufenthalts in Paris – dort erhofft er sich vor Aufnahme seines Englisch-Studium Inspiration für seine schriftstellerischen Ambitionen – schreibt er eine verschollene Erzählung Hemingways neu. Eine alte, auf dem Flohmarkt erstandene Schreibmaschine mit dem dazugehörigen Papier helfen, Authentizität herzustellen. Dann lernt Trace in Paris den Amerikaner Paul Mercer und dessen Stieftochter Helen kennen. Helen, die es dem jungen Engländer sehr angetan hat, entdeckt in Trace’s Bude das Hemingway-Manuskript. Ehe Trace sich versieht, und ohne sein aktives Zutun, beginnt die „Karriere“ des jungen Mannes als Fälscher.

Zurück in London, heuert Trace für einen Hungerlohn als Redaktionsassistent bei der Literaturzeitschrift „Little Review“ an und wird schnell zur unentbehrlichen Stütze des Herausgebers. Das Blatt ist in der Szene hoch angesehen, doch wie so oft bei Publikationen dieser Art bleibt der ökonomische Erfolg aus. Die Veröffentlichung von zwei von Trace im Zeitschriften-Archiv „entdeckten“ Erzählungen von Graham Greene und Roald Dahl kann zwar kurzfristig die Verkaufszahlen  nach oben treiben und dem Blatt in finanzieller Hinsicht ein wenig Luft verschaffen. Doch kann das auf Dauer gutgehen?

Der englische Autor David Belbin, 1958 in Sheffield geboren, erzählt die Geschichte um den Hochstapler Marc Trace auf eine wunderbar leichte, lockere, amüsante Art. Der Held  (der als Ich-Erzähler auftritt) ist ein sympathischer junger Mann, dem man wünscht, dass er nicht auffliegt und rechtzeitig die Kurve in Richtung auf eine eigenständige literarische Karriere kriegt. Gleichzeitig gewährt das Buch verschmitzt Einblicke in den Literaturbetrieb und den Umgang der Fachwelt mit „verschollenen Originalen“.

Was mich ein wenig stört, ist das Buchcover: der „Hochstapler“ ist am Ende des Romans gerade einmal 20 Jahre alt; der Typ auf dem Cover hat mit dem „Helden“ überhaupt nichts gemein und dürfte zudem doppelt so alt sein.

Das ändert aber nichts am Gesamturteil: Ein schöner, unterhaltsamer Roman für alle, die Bücher und Literatur lieben.

David Belbin
Der Hochstapler
Kindler / Rowohlt 2010, 288 Seiten

4 Kommentare zu „David Belbin: Der Hochstapler

    1. Ja, mit dem „Hochstapler“ kann man sich wirklich ein paar Stunden bestens unterhalten. Suter’s Lila Lila kenne ich nicht, ich habe aber gerade mal die Kurzvorstellung im Internet gelesen. Gewisse Parallelen scheint es in der Tat zu geben, aber wirklich beurteilen kann ich das im Moment (noch?) nicht.

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  1. Beim Cover hat der Verlag auf ein vorhandenes Bild des Illustrators Quint Buchholz zurückgegriffen. Das Bild heißt „Bücherturm“ und hat vermutlich überhaupt nichts mit dem Inhalt des Buches zu tun. Ich finde es schade, wenn die Verlage auf diese Weise eine Covergestaltung „verschenken“, ohne auch nur im geringsten auf das Buch und dessen Inhalt einzugehen.
    Liebe Grüße dm

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    1. Danke für den Hinweis auf Quint Buchholz. Es ist in der Tat so, dass, wenn man den Roman kennt, das Cover wie ein Fremdkörper wirkt.
      Einen schönen Rest-Sonntag, Ingrid

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