Nina Sankovitch: Tolstoi und der lila Sessel

Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich auf Miss Coffees Rezension von „Tolstoi und der lila Sessel“ stieß. Nina Sankovitch habe, so hieß es darin, während der Dauer eines Jahres jeden Tag ein Buch gelesen. Für mich als eher Tolstoi und der lila SesselLangsam-Leserin eine schon fast unheimliche Leistung. Und natürlich wollte ich unbedingt wissen, wie die Mutter von vier Kindern das geschafft hat.

Aber das Buch hat mich noch wegen eines anderen – letztlich viel wichtigeren – Aspekts interessiert. Für Nina Sankovitch war die tägliche Buchlektüre ein Stück Trauerarbeit, nachdem es ihr während der zurückliegenden drei Jahre nicht gelungen war, den Tod der älteren Schwester zu verarbeiten. Ihr tägliches Leseprogramm hat ihr wesentlich geholfen, mit dem Verlust (besser) fertig zu werden. Ein Ansatz, eine Hilfestellung vielleicht auch für mich? Denn es gibt gewisse Parallelen.

„Als ich beschloss, ein Buch am Tag zu lesen, hörte ich endlich auf, wegzulaufen. Ich setzte mich hin, saß stumm im Sessel und fing an zu lesen“. So beschreibt die amerikanische Autorin den Start ihres Projekts. Sie hat sich im Laufe von 365 Tagen kreuz und quer durch die Literatur gelesen. Eine systematische Lektüreauswahl gab es nicht. Damit sie ihr Programm bewältigen konnte, galt die Einschränkung: mehr als 2,5 cm dick durfte das ausgewählte Buch nicht sein. Das kann ich gut nachvollziehen. Dass die Bücher auch der Schwester hätten gefallen müssen, halte ich dagegen für schwer umsetzbar. Wie soll man das bei bislang unbekannten Titeln – auf das Wiederlesen von vertrauten Büchern wollte Sankovitch ausdrücklich verzichten – im vorhinein wissen? Man muss diesen Ansatz wohl insofern verstehen, als die beiden Schwestern auch durch viele gemeinsame Lektüren verbunden waren.

Im Anhang findet sich eine Titelliste aller im Zeitraum von Oktober 2008 – Oktober 2009 gelesenen Bücher. Aber die Lektüre war nicht alles. Darüber zu schreiben war mindestens so wichtig. Jedes gelesene Werk wurde anschließend von Sankovitch in ihrem Blog besprochen.

Auf diverse gelesene Bücher geht die Amerikanerin in „Tolstoi und der lila Sessel“ detaillierter ein. Hier kann man gut studieren, wie sie ihre Lektüren für eigene Reflexionen und die Bewältigung ihres Schmerzes nutzt. Sie versucht den Kern herauszuarbeiten, Verbindungen zu ihrem eigenen Leben – ihrem Elternhaus, ihrer Kindheit, ihrer eigenen Familie – herzustellen. Und immer wieder rückt das Leben mit Anne-Marie, ihrer geliebten und verehrten Schwester, in den Blickpunkt ihrer Betrachtungen, Überlegungen, Erinnerungen.

Nina Sankovitch’s Fazit nach einem Jahr „Lese-Therapie“:

Ich habe schon immer viel gelesen. Und immer dann, wenn ich besonders auf das Lesen angewiesen war, haben Bücher mir alles gegeben, was ich brauchte, und mehr. Mein Lesejahr hat mir den Raum gegeben, den ich brauchte, um herauszufinden, wie ich nach dem Tod meiner Schwester weiterleben konnte, Mein Jahr im Büchersanatorium hat mir gezeigt, was wichtig für mich ist und welchen unnötigen Ballast ich abwerfen kann  Nicht immer kann Genesung so aufwendig betrieben werden … Wir alle brauchen Raum, uns zurückzuziehen, einen Ort, wo wir wieder zu uns finden und uns bewusst machen, was uns wichtig ist, eine Zeit, in der Lebensfreude und Lebensglück wieder in unser Bewusstsein zurückkehren können.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Nina Sankovitch
Tolstoi und der lila Sessel
Graf Verlag München 2011, 288 Seiten

5 Kommentare zu „Nina Sankovitch: Tolstoi und der lila Sessel

  1. Ich bin jetzt schon ein paar Mal über dieses Buch gestolpert und habe das Gefühl, dass so langsam kein Weg mehr daran vorbei führt. Ich fühle mich unheimlich angesprochen und finde den Aspekt des Lesens als Therapie der Trauer unheimlich interessant. Ich danke dir herzlich für diese feinfühlige Vorstellung – das Buch wird morgen in der Buchhandlung meines Vertrauens bestellt. 🙂

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    1. Der Weg, den Nina Sankovitch eingeschlagen hat, um die Trauer um den Tod ihrer Schwester zu überwinden und um selbst wieder „Land zu sehen“, ist schon sehr ungewöhnlich, glaube ich. Bei der Lektüre lernt man so nebenbei eine sehr sympatische, interessante und, soweit es die Eltern angeht, leiderprobte Familie kennen.

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  2. Leseleben im „Büchersanatorium“ – der Begriff gefällt mir. Und das Buch spricht mich nach Deiner Empfehlung an. Nicht als Trauerarbeit, wohl aber weil es die Brücke zwischen Literatur und Leben baut. Ich lese gern über Bücher und den Menschen, der die Bücher gelesen hat. Dann wird Literatur für mich wie ein persönlicher Händedruck.

    Verschneite Sonntagsgrüße von Karin

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    1. Liebe Karin, mir geht es da wie Dir: auch ich lese gern über Bücher und den Menschen, der die Bücher gelesen hat. Im konkreten Fall war mir aber auch der Gesichtspunkt der Trauerarbeit mithilfe von Lektüre wichtig. Einen schönen Restsonntag (auch das Bergische Land ist übrigens verschneit) wünscht Dir Ingrid.

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      1. Ja, liebe Ingrid, Du hast ganz Recht – meine Betrachtung dieses Buch hat den entschiedenden Gesichtspunkt übersehen: die Trauerarbeit mithilfe der Literatur, die nicht heilen, aber begleiten kann. Danke für den Anstupser!

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