Thomas Keiderling: Aufstieg und Niedergang der Buchstadt Leipzig

Spätestens, wenn man die „Geschichte des deutschen Buchhandels“ von Reinhard Wittmann gelesen hat (s. Besprechung Buchstadt Leipzighier), weiß man um die enorme Bedeutung Leipzigs für die deutsche Buch- und Verlagsgeschichte. Aber was war an Leipzig so Besonderes, dass man die Stadt an der Pleisse mit dem Zusatz „Buchstadt“ versah?

Es ist erklärtes Ziel des Autors, der seit mehr als 15 Jahren an der Universität Leipzig zu Fragen der Buchwissenschaft und Buchhandelsgeschichte forscht, den Buchstadt-Begriff erstmals kritisch zu hinterfragen.

Nachdem Keiderling in der relativ ausführlichen Einleitung alle möglichen Kriterien wie Anzahl der Verlagsbuchhandlungen, Höhe bzw. Umfang der Verlagsproduktion, Rolle und Gewicht der in Leipzig ansässigen Druckindustrie, Buchmesse etc. abgeklopft und für Bildung und Verwendung des Begriffs Buchstadt als nicht überzeugend verworfen hat, kommt er schließlich zum entscheidenden Punkt, nämlich zu dem, was die Pleisse-Stadt so einzigartig machte: es war die Logistikfunktion für den deutschen Buchhandel, die Leipzig den Namen Buchstadt einbrachte. Denn alle damit zusammenhängenden Faktoren und Arbeitsabläufe hatten sich dort über die Jahrhunderte hinweg bis zur Perfektion herausgebildet.

Wie es zu diesem unnachahmlichen Zusammenspiel von Verlagsproduktion, Zwischenbuchhandel und Sortimentern kam, wird sodann von Keiderling anschaulich geschildert. Ausgehend von den Anfängen des Buchgewerbes in Leipzig in der Zeit etwa zwischen 1480 und 1618 und dem Aufstieg zur führenden Verlags- Druck- und Buchmessestadt bis ca. 1800 führt er die Leser/innen zur Geburt der Buchstadt („Der Leipziger Platz formiert sich“ ) im Zeitraum von ca. 1800 – 1871 bis zum Höhepunkt der Macht Leipzigs zwischen 1871 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Dann aber setzte der Niedergang ein, der durch Naziherrschaft (interessant die unrühmliche Rolle des Börsenvereins in dieser Zeit)  und später Politik der DDR-Verantwortlichen seinen Fortgang nahm.

Schließlich geht Keiderling auch noch auf dem Umbruch des ostdeutschen Buchmarktes nach der deutschen Einheit ein und widmet sich u. a. kritisch der Frage, inwieweit die Arbeit der Treuhand zum Niedergang der Buchstadt Leipzig beigetragen habe. Von den in Leipzig ansässigen Großverlagen, Großdruckereien und Buchbindereien, so der Autor, sei jedenfalls nur wenig übrig geblieben. Nach vorsichtigen Schätzungen habe die Pleisse-Stadt drei Viertel ihrer Produktionskapazitäten verloren.

Obwohl der Begriff „Buchstadt“ noch in vielen Köpfen präsent ist, ist das Fazit Keiderlings ernüchternd: nach seiner Auffassung ist die Verwendung des historischen Begriffs Buchstadt heute nicht mehr zu rechtfertigen. Auch hinsichtlich der Aussichten, dass es je wieder zur Etablierung einer  „Buchstadt Leipzig“ kommen, dass vielleicht sogar der alte „Leipziger Platz“ als ein logistisches Ballungszentrum des gesamtdeutschen Buchhandels auferstehen könnte, ist der Autor mehr als skeptisch:

Die Entstehung des Leipziger Platzes war in früheren Zeiten durch zwei Rahmenbedingungen gekennzeichnet, die es heute so nicht mehr gibt. Einerseits verlangte der deutsche Buchhandel in kommunikationstechnisch schwierigen Zeiten nach einem logistischen Zentrum, das in einer Stadt, ja in einem Stadtteil durch die räumliche Nähe der beteiligten Firmen hergestellt werden musste. Andererseits wurde im genossenschaftlichen Prinzip eine Chance gesehen und gefunden, die gleichberechtigte Beteiligung von vielen kleineren und mittelständischen Logistikfirmen zu ermöglichen. Nach dem Wegfall Leipzigs infolge des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsentwicklung war die Entwicklung des Zwischenbuchhandels in der Bundesrepublik weitergegangen und nicht mehr durch einen zentralen Kommissionsplatz gekennzeichnet.

Dennoch gelangt Keiderling zu einem positiven Ausblick:

Das Graphische Viertel mit seinen vielen Besonderheiten und Einzigartigkeiten ist und bleibt Geschichte. Doch man kann positiv in die Zukunft blicken. Leipzig hat es innerhalb weniger Jahre geschafft, die Buchmesse zu konsolidieren und kann derzeit auf eine zwar kleinteilige, aber lebendige Firmenlandschaft des Buches verweisen. Es gibt guten Grund zu der Annahme, dass insbesondere der Verlagsbuchhandel weiter wachsen wird.

Ein Buch speziell für Leipzig-Fans? Nein, keineswegs. Es ist lesenswert und aufschlussreich für alle, die sich für die deutsche Buch(handels)geschichte interessieren. Neben dem gut lesbaren Text vermitteln zahlreiche Fotos  einen hervorragenden Eindruck von dem bemerkenswerten Zusammenspiel, das Leipziger Verleger, Drucker, Buchbinder, Kommissionäre und Sortimenter im Graphischen Viertel der Pleissestadt entwickelt hatten und das schließlich dazu führte, dass, wer mit Büchern handeln wollte, am „Leipziger Platz“ nicht mehr vorbeikam.

Thomas Keiderling
Aufstieg und Niedergang der Buchstadt Leipzig
Sax Verlag 2012, 208 Seiten, 24,80 EUR

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s