Ilija Trojanow – Anja Bohnhof: Stadt der Bücher

Stadt der BücherWenn von Kalkutta (seit 2001 offiziell Kolkata) die Rede ist, denke ich an Übervölkerung, Krankheit, Elend.Vielleicht bei den krassen Gegensätzen, die in Indien herrschen, auch noch an Computer, Softwareschmieden, Callcenter. Angesichts der aktuellen Geschehnisse in einem anderen Teil des Landes auch an Frauenschicksale und nicht vorhandene Frauenrechte. Aber an Bücher?

Und doch: Kalkutta ist eben jene Stadt, um die es in diesem mit 18,6 x 14,6 cm relativ kleinformatigen Buch geht. Gestaltet hat es in erster Linie die Fotografin Anja Bohnhof; den begleitenden knappen, zurückhaltenden Text hat Ilija Trojanow beigesteuert, dessen Buch „Der Weltensammler“ ich vor einigen Jahren mit Begeisterung gelesen habe.

Was macht Kalkutta denn nun zur Bücherstadt? Die Stadt beherbergt rund um die College Street ein Viertel, in dem sich neben namhaften indischen Verlagen rund 10.000 Buchhändler niedergelassen haben. Viele davon verfügen nur über kleinere oder größere Kioske und Verschläge, um ihre Ware anzubieten.

College Street ist keine Straße, es ist kein Viertel und keine Hochschule. College Street ist das Versprechen, jedes Buch zu finden, das man begehrt. Dieses Versprechen durchdringt wie der Ruf eines allgegenwärtigen Marktschreiers jede Nische eines Labyrinths, das von den Hauptstraßen in die Nebenstraßen und Seitengassen führt, ein Labyrinth aus bedrucktem Papier; von den Bürgersteigen zu den Durchgängen, von Türen über Treppen bis hinauf zu vollgestopften Dachgeschossen stapeln sich Bücher zu Fassaden, Ecken und Erkern.

Macht der Kauf von Büchern unter solchen Umständen eigentlich Spaß? Oder werden Bücherfreunde angesichts eines dermaßen immensen Angebots nicht eher „erschlagen“, empfinden bald Überdruss und fühlen sich überfordert? Ich war vor vielen Jahren erwartungsvoll in der walisischen Bücherstadt Hay-on-Wye und habe meine Wales-Rundreise danach mit einer recht bescheidenen „Ausbeute“ weiter fortgesetzt. Orientierung war schon da kaum möglich, aber dort konnte man wenigstens in den Angeboten der Händler „stöbern“. Im Gegensatz zu dem in diesem Buch vorgestellten Bücherzentrum:

Dies ist der erste und auch der zweite Eindruck: ein Wald, der so dicht ist, dass man das Interesse an den einzelnen Bäumen verlieren könnte, zumal in College Street das, was den Bibliophilen hierzulande am meisten erfreut, nicht möglich ist: Die Bücher, aufgestapelt, begraben, verdeckt, sind für Flanierende und Stöbernde nicht zugänglich, zufällige Entdeckungen somit eher selten.

Nun ist es ja durchaus möglich, dass für die Menschen, die rund um die College Street ihre Bücherkäufe tätigen, der Spaßfaktor nebensächlich oder gar uninteressant ist. Wer genau weiß, was er braucht und seinen konkreten Wunsch an den Händler heranträgt, hat, so lesen wir, beste Chancen, in der „Stadt der Bücher“ fündig zu werden.

Ob mir Bucherwerb auf diese eher nüchterne Art, ob mir College Street gefallen würde? Mhm. Sicher hat College Street etwas Faszinierendes, zweifellos  ist es angenehm, wenn man ein ganz bestimmtes Buch, das man sucht, sofort mit nach Hause nehmen kann. Aber ich gehe auch gern in Buchläden ohne bestimmtes Ziel, zum Schauen, Entdecken. Viele unserer (größeren) Buchhandlungen verfügen über Sitz-/Leseecken, in denen man in  Büchern blättern und dabei einen Kaffee trinken kann … Nein, tauschen möchte ich nicht. Aber ein Besuch im Kalkuttaer Bücher-Labyrinth könnte mich schon reizen.

Zurück zu dem Buch. Es enthält insgesamt 60 außerordentlich farbenfrohe Fotos. Die Aufnahmen sind schön anzusehen, einige darunter gefallen mir ausnehmend gut. Aber: fast alle zeigen menschenleere Kioske mit Bücherstapeln. Große Kioske. Kleine Kioske. Bücherstapel links. Bücherstapel rechts, Bücherstapel wohin man schaut. Bevor es (aber) allzu eintönig wird, endet das Buch bei Seite 128. Nur ganz gelegentlich sind Fotos belebter Straßenzüge eingestreut, die wenigstens ein wenig von dem Flair des Viertels vermitteln. Von den Gesprächspartnern Trojanows, dem Papierschneider, dem Bücherboten, dem Verleger etwa oder den Kiosk-Betreibern selbst wird niemand gezeigt.

Dem Buch mangelt es ein wenig an dem, was – bei allen Problemen – in Kalkutta und vor allem auf College Street doch wohl pulsiert: Leben. Schade eigentlich.

Ilija Trojanow / Anja Bohnhof
Stadt der Bücher
Langen Müller 2012, 128 Seiten, 14,99 EUR

6 Kommentare zu „Ilija Trojanow – Anja Bohnhof: Stadt der Bücher

  1. Liebe Ingrid

    Es wäre sicher spannend, einmal durch diese Strasse zu schlendern und zu beobachten, aber ich glaube nicht, dass es mich reizen würde, in den immensen Bücherstapeln zu stöbern. Das schreckt mich auch in hiesigen Brockenhäusern ab, wo sich keiner wirklich liebevoll um die Bücher kümmert und alles mehr oder weniger zerfleddert. Da ist mir ein schön geführtes Antiquariat lieber, wo man schnell fündig wird, auch der Antiquar bei uns im Ort, obwohl der nicht einmal all die Bücher katalogisiert hat. Aber immerhin gibt es ein gewisses Schema und meistens werde ich ja auch fündig.

    Danke für die ausführliche Besprechung des Buches.

    LG buechermaniac

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    1. Hallo buechermaniac,
      ich würde mir das Treiben in diesem Bücherviertel auch gern mal ansehen, aber in solch einem unüberschaubaren Büchermeer würde ich die Lust am Bücherkaufen wohl auch recht bald verlieren. Zumal Stöbern auch gar nicht erwünscht ist. Das macht sogar Sinn, denn wo soll man bei diesen Dimensionen anfangen, wo aufhören? Grüße in die Schweiz, Ingrid

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  2. Von diesem Bücherwahn in Indien habe ich noch nie gehört. Du machst auf jeden Fall SEHR neugierig auf das Buch. Stapel sind wahrscheinlich weniger einladend, aber irgendeinen Grund muss es ja haben, dass die Händler die Bücher so anbieten?! Dein Artikel erinnert mich an einen Buchstand in England, der in einem Kirchengewölbe beherbergt war: Tausende von Kisten mit Büchern in einer dunklen Nische, so düster dass ich kaum die Titel lesen konnte. LG Mila

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    1. Hallo Mila, die Händler in College Street haben offenbar ihr eigenes Ordnungssystem, das ihnen ermöglicht, nachgefragte Titel rasch aufzufinden. Aber dass Buchinteressierte „auf eigene Faust“ anfangen zu stöbern, scheint nicht erwünscht und nicht üblich zu sein. Bei den Unmengen an Titeln, die in dem Viertel angeboten werden, verliert man vermutlich auch schnell Lust und Geduld. Grüße, Ingrid

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  3. Guten Morgen, Ingrid,
    In Berlin haben wir auf der Museumsinsel einen Flohmarkt mit vielen Büchernständen, der ähnlich funktioniert.
    Solche Bücherstände mochte ich früher sehr. Inzwischen schaue ich bei antiquarischen Büchern lieber bei zvab, der Sortierung wegen. Gerne gehe ich auch in ein sehr gut sortiertes Antiquariat.
    Vor den Unis in Berlin stehen auch Bücherstände mit Kisten voller Bücher. Ganz vorbei komme ich nie. Aber ich kaufe selten etwas dort.
    Einen schönen Sonntag wünscht dir Susanne

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    1. Hallo Susanne,
      bei den bei uns bekannten Flohmärkten und ähnlichen Einrichtungen kann man wenigstens stöbern. Das ist aber bei den Kiosken in College Street in Kalkutta erst gar nicht vorgesehen. Im übrigen geht es mir wir Dir: wenn ich antiquarische Bücher suche,dann gern bei zvab, Ebay, Booklooker. Zu den Bücherständen mit Kisten voller Bücher zieht es mich zwar auch magisch, aber wegen der Unübersichtlichkeit, die zumeist herrscht, verliere ich schnell die Lust. Grüße nach Berlin, Ingrid

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