Matthew Battles: Die Welt der Bücher

Eine Geschichte der Bibliothek

Matthew Battles ist Bibliothekar in der Bibliothek der Harvard University. Er hat die  Möglichkeiten, die ihm sein Arbeitsplatz bietet, gut zu nutzen gewusst: Battles ist ungemein belesen. Und Schreiben kann  er auch. Sein Buch über „Die Welt der Bücher“ beweist es.

Die Welt der BücherDer Untertitel verspricht jedoch etwas mehr, als das Buch halten kann. Es ist keine umfassende, systematische  „Geschichte der Bibliothek“, was wohl auch ein kaum zu bewältigendes Unterfangen gewesen wäre. Wir haben es hier eher mit einem Essay zu tun, und darin um eine Auswahl berühmter Bibliotheken aus unterschiedlichen Epochen. Und mit bestimmten, oft wesentlichen  Aspekten bibliothekarischer Arbeit, die Battles anhand  der einen oder anderen Bibliothek beleuchtet.

In sieben Kapiteln erzählt der amerikanische Autor, selbst leidenschaftlicher Büchersammler,  zum Beispiel von der untergegangenen Bibliothek  in Alexandria, von der Errichtung der ersten öffentlichen Bibliotheken in Rom durch Julius Cäsar, von mittelalterlichen Klosterbibliotheken und der von Papst Nikolaus initiierten Bibliothek des Vatikans, von Aufstieg und Niedergang der islamischen Bibliotheken, von der Wiedergeburt öffentlicher Bibliotheken in Florenz, von der British Library  oder von seinem Arbeitsplatz, der „Widener Library“ in Harvard.

Doch  belässt es der Autor nicht bei einer  schlichten Aufzählung von Daten und Fakten.  Wir lernen,  dass es schon lange vor der unseligen Nazi-Zeit Bücherverbrennungen gegeben hat, dass gerade Bibliotheken in kriegerischen Auseinandersetzungen beliebte Angriffsziele war – um die Geschichte und kulturelle Identität eines Volkes auszulöschen. Wir lesen über die Konflikte um die Frage, welche Bücher Aufnahme in die Bibliothek finden sollten. Zur „Vor-Gutenberg-Zeit“ war das kein Thema, aber nachdem sich die Kunst des Buckdrucks in Windeseile verbreitete und zu einer ungewohnten Flut von Veröffentlichungen führte, sahen sich Bibliotheken und Bibliothekare vor die Frage gestellt, was eigentlich  gesammelt werden sollte.  Berühmte Bibliothekare wie Antonio Panizzi  von der Britisch Library oder  Melville Dewey  in Harvard  machten sich daran, Ordnungssysteme zu entwickeln. Aber wer sollte überhaupt Zugang zu einer öffentlichen Bibliothek haben? Nicht jede Hautfarbe war erwünscht, wie uns das Beispiel Richard Wrights lehrt. Auch die Rolle von Büchern und Bibliotheken für das Leben und Überleben politisch Verfolgter wird an mehreren Beispielen (Walter Benjamin, jüdische Ghettos)  beleuchtet.

Es macht Spaß (und stimmt oft genug auch nachdenkklich), Battles auf seinem  Streifzug durch  3000 Jahre Geschichte des Büchersammelns und der Bibliotheken zu begleiten. Lediglich die Schilderung der innerenglischen Auseinandersetzungen um die Ausrichtung der British Library im Kapitel „Die Bücherschlacht“ – und die Rolle, die Jonathan Swift und seine gleichnamige Erzählung in der „Querelle des Anciens et des Modernes“ [das muss ein feststehender Begriff sein, denn die Formulierung kommt immer wieder vor]  spielten, ist etwas strapaziös, da sehr langatmig und und teilweise schwer lesbar. Insgesamt gesehen habe ich dem Buch viel Informationen und reichlich Anregungen für die weitere Beschäftigung mit der Thematik entnommen. Eine sehr interessante, lesenswerte Arbeit.

Matthew Battles
Die Welt der Bücher. Eine Geschichte der Bibliothek
Artemis & Winkler / Patmos Verlag 2003, geb. Ausgabe, 256 Seiten

6 Kommentare zu „Matthew Battles: Die Welt der Bücher

  1. Hallo,

    die „Querelle des Anciens et des Modernes“ wurde durch ein Gedichts auf den Höhepunkt der Auseinandersetzungen geführt, die schon einige Jahrzehnte davor in Frankreich aufkamen. Es ging dabei um die der absolutistischen Herrschaft Ludwig XIV. gemäße Preisung der „neuen“ Zeit in und durch Kunst und Literatur. „Gemäß“ sollte sich alles nennen dürfen, was sich der christlichen Tradition verpflichtet zeigte und zugleich die Ablösung von den Kunstvorstellungen der Antike vorantrieb. Im Gedicht des Charles Perrault, das als eine Art Genesungsgeschenk an Ludiwg XIV gerichtet war, wies dieser die Vorbildfunktion der Antike im modernen Kunstschaffen Frankreichs zurück, um einem modernen und antitraditionalistischen Kunstschaffen den Weg zu ebnen. Mit „Querelles des Anciens et des Modernes“ wurde dann tatsächlich eine Begrifflichkeit installiert, die sich im weiteren Verlauf der Kulturgeschichte immer dann anwenden ließ, wenn es zu einer Auseinandersetzung zwischen traditionalistischer und modernistischer Kunstbestrebungen kam.

    Liebe Grüße

    Achim

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