Annette Seemann: Die Geschichte der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

Die Nachricht ging durch alle Medien, und Bücherfreunde in der ganzen Welt waren zutiefst erschrocken und besorgt: Am 2. Februar 2004 brannten die beiden obersten Stockwerke des Rokoko-Saals der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar lichterloh – kurz vor der wegen An- und Umbauarbeiten geplanten Auslagerung der Bestände in diesem Teil der Bibliothek. Ursache für den Brand war eine defekte Elektrokabelverbindung. Die Folge: 50000 wertvolle Bände gingen unwiederbringich verloren; etwa 62000 Bücher wurden durch den Brand oder durch Löschwasser schwer beschädigt.

Das verheerende Feuer war der traurige Höhepunkt in der langen Geschichte der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Ihre Gründung erfuhr die Herzogliche Bibliothek im Jahr 1691, als Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar die von ihm gesammelten Bücher der Öffentlichkeit zugänglich machte. Insbesondere durch Schenkungen kamen in der Folge große, vielfach sehr wertvolle Büchersammlungen hinzu; andererseits wurde die Entwicklung durch wiederholte Erbteilungen auch immer wieder eingeschränkt und behindert.

Anna Amalia (1739–1807), der Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach, ist der Umzug der  Bibliothek in das „Grüne Schlösschen“ (1766) und damit in ein eigenes Gebäude zu verdanken. Sie war selbst eine begeisterte Büchersammlerin, verfügte über eine große Musikaliensammlung und förderte das Weimarer Theater. Seit ihrer Regentschaft und dem Umzug der Bibliothek konnte die Einrichtung eine größere öffentliche Wirkung entfalten.

Von den 7  Kapiteln dieses 128 Seiten umfassenden Büchleins von Annette Seemann fand ich das mit dem Titel „Goethe und die Weimarer Bibliothek: Geschickte Administration und Künstlerische Ausstattung “ besonders interessant. Goethe war zwischen 1775 und 1797 als „Oberaufseher“ an der Weimarer Bibliothek tätig und übte dieses Amt sehr gewissenhaft aus. So erließ er zum Beispiel 1798 die erste Benutzerordnung – die „Vorschrifft, nach welcher man sich bei hießiger Fürstl. Bibliothek, wenn Bücher ausgeliehen werden, zu richten hat“. Das war nötig, denn bezüglich der Rückgabe der ausgeliehenen Bücher gab es immer wieder Probleme.

Die meisten Restanten haben sich gefügt, Herder ist noch der stärkste, der sich aber auch finden wird …

schrieb Goethe in recht mildem Ton an seinen Kollegen Voigt, mit dem er sich mehrere Jahre die Oberaufsicht teilte.

Bei unsachgemäßer Behandlung der wertvollen Bücher konnte Goethe aber auch Härte zeigen, wie ein Brief an den Weimarer Pädagogen Johann Daniel Falk belegt:

… vorher aber möchte ich eine Verlegenheit beseitigt wissen, in der ich mich um Ihretwillen befinde. Sie haben nämlich das von Herzogl. Bibliothek Ihnen anvertraute Exemplar des Heldenbuches durch Anstreichen, Beschreiben, Ausstreichen auf eine mir unbegreifliche Weise beschädigt … Gar sehr wünschte ich daher, dass Sie mir hierüber einige Erklärung gäben und einen Anlaß verschafften der Sache eine Wendung zu geben, wodurch die Bibliothek satisfacirt und das Auffallende des Ereignisses vermindert würde.

Es ist in hohem Maße Goethes Wirken zu verdanken, dass sich die Bibliothek in Weimar zu einer der bedeutendsten Deutschlands jener Zeit entwickeln konnte. Sie prägte die Weimarer Klassik mit und ist bis heute eines der wichtigsten Archive dieser Epoche. In Goethes Amtsperiode verdoppelten sich der Buchbestände auf 80.000 Exemplare.

In der Folge verlangsamte sich die Entwicklung der Bibliothek. Nach der Abdankung des letzten Weimarer Großherzogs Wilhelm Ernst (1876 – 1923) wechselten die Bibliothek wie auch das Goethe- und Schiller-Archiv in die Trägerschaft der Thüringer Landesregierung; seit 1920 hieß sie „Thüringische Landesbibliothek“. Nach der Wende bekam die Bibliothek anlässlich des dreihundertjährigen Jubiläums im Jahr 1991 den Namen ihrer größten Förderin, der Herzogin Anna Amalia.

Am 24. Oktober 2007, dem Geburtstag der Namenspatronin, wurde das durch den Brand 2004 so schwer beschädigte Historische Gebäude der Herzogin Anna Amalia Bibliothek durch den Bundespräsidenten wieder eröffnet.

Das Fazit von Annette Seemann:

Die Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek hat sich von der Fürstenbibliothek, die zunächst nur wenigen Menschen zugänglich war, im Laufe von etwas mehr als drei Jahrhunderten zu einer modernen Forschungsbibliothek gewandelt . Diese Wandlungen hatten natürlich auch ihren Grund in der allgemeinen historischen Wandlung in unserem Land: deutsche Geistesgeschichte war mit der Bibliothek von vornherein eng verbunden. Als wahrhaft bedeutend ist daher Herzogin Anna Amalias Leistung einzuschätzen, der Bibliothek ein eigenes Gebäude zu geben, das durch seine Gestaltung eine auratische Atmosphäre entfaltete.

Die Weimarer Bibliothek verfügt aktuell über einen  Bestand von etwa 1 Million Bänden, darunter ca. 200.000 aus der Zeit vor 1850. Sie gehört heute zur Klassikstiftung Weimar

Das in der Insel-Bücherei erschienene Bändchen, das ich hier vorstelle, spiegelt ein hoch interessantes Kapitel deutscher Buch-, Bibliotheks- und Kulturgeschichte. Die Autorin schildert die Entwicklung einer der wichtigsten deutschen Bibliotheken gut lesbar und mit viel Sympathie für die Einrichtung. Kein Wunder, ist sie doch –  das musste ich mangels Information in dem Buch selbst erst bei Wikipedia nachlesen – nicht nur journalistisch und als Sachbuchautorin tätig, sondern seit 2003 auch Vorsitzende des Freundeskreises „Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek (GAAB) e.V.“.

Wie wir das von der Insel-Bücherei her gewohnt sind, haben wir es auch hier mit einem gut ausgestatteten, auf hochwertigem Papier sorgfältig hergestellten kleinen Schmuckstück zu tun, das man gern in die Hand nimmt. Zahlreiche Abbildungen veranschaulichen den Text. Bei den zahlreichen Daten, mit denen man konfrontiert wird, und angesichts der vielen Namen – zum Beispiel der Bibliothekare der Einrichtung -, denen man begegnet, wären eine kleine Chronik und ein Namensregister im Anhang hilfreich gewesen. Darauf müssen wir leider verzichten, aber das ändert nichts an dem positiven Gesamteindruck.

Die Geschichte der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
von Annette Seemann
Insel-Bücherei Nr. 1293, Insel Verlag 2007, 128 Seiten

2 Kommentare zu „Annette Seemann: Die Geschichte der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

  1. Liebe Ingrid

    An der Ausstellung „Bücherhimmel – Bücherhölle“ waren auch Bilder der abgebrannten Bibliothek ausgestellt. Das ist dann auch eine Hölle. Wie furchtbar, wenn eine so grossartige Institution, wo Wissen und Raritäten zusammengetragen werden, abbrennen. Nur noch dies: in meinem Begleitheft zur erwähnten Ausstellung war von einem leidenschaftlichen brasilianischen Büchersammler die Rede, dessen Frau vor einigen Jahren entführt wurde. Wenn dieser Mann das Lösegeld nicht bezahlt hätte, hätten die Entführer seine Bibliothek in Brand gesteckt!

    Vielen Dank für die Vorstellung dieses schönen Büchleins.

    Herzlich buechermaniac

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    1. Liebe Büchermaniac,

      um den Besuch der Ausstellung „Bücherhimmel – Bücherhölle“ beneide ich Dich noch heute. – Die Entführungsgeschichte aus Brasilien ist ja schrecklich – sowohl mit Blick auf die entführte Frau wie auch die bedrohte Büchersammlung.

      Grüße, Ingrid

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