Hansjörg Schertenleib: Der Antiquar

Was über einen Roman schreiben, zu dem man keinen rechten Zugang gefunden hat?  Der Zauber, den allein schon der Buchtitel auf mich ausgeübt hat, war jedenfalls rasch verflogen.

Versuchen wir’s mal auf dem Weg über den Verlagstext auf der Buch-Rückseite:

Das Leben des Antiquars Arthur Dold verläuft in geordneten Bahnen. In seinem kleinen Laden hat er sich eine eigene Welt aus Karten und Folianten errichtet. Doch dann geraten die Dinge in Unordnung. Bei einem Überfall wird Dold verletzt, und vielleicht beginnt sich deswegen schrittweise die Vergangenheit zu melden, vor allem die Kindheit und Jugend mit der Schwester in einer Villa am See.

Vielleicht?  Vielleicht beginnt sich wegen eines relativ glimpflich verlaufenen Überfalls die Vergangenheit zu melden? Der Verfasser des Einbandextes scheint ähnliche Zweifel zu haben wie ich. Mir scheint das  jedenfalls sehr konstruiert, und das Buch liefert – nicht nur in diesem Zusammenhang –  keine hilfreichen Anhaltspunkte für eine solche Sicht. Auch inwieweit die aufkommenden Bilder aus der Vergangenheit  Einfluss auf das weitere Leben Dolds gewinnen, bleibt zumindest recht nebulös.

Dold ist ein Einzelgänger, der sich schon als Junge mit seiner Leidenschaft für Karten und Atlanten eine eigene Phantasiewelt geschaffen hatte. Auch dem erwachsen gewordenen Mann ist es ein Bedürfnis, sich abzuschotten, dem realen Leben zu entfliehen und in seine Welt der Träume „abzutauchen“.

Schnee spielt in dem Buch eine große Rolle. Schnee, immer wieder Schnee, Schneestürme, Schneeverwehungen. Schnee als Symbol für die Unwirtlichkeit des Lebens,  den Gang in die Kälte, in den Tod? So wie eine Winterbegehung verschiedener Gipfel für den Geometrielehrer Gadient  – ihn und Dold verbindet eine gewisse Seelenverwandtschaft – mit dem Tod endet? Mag sein.

Dold, der im Schneetreiben zu Fuß unterwegs ist und unfreiwillig bei einer fremden Frau zum Geburtshelfer wird – eine Anspielung auf  seine frühere Frau, die das gemeinsame, von ihm aber nicht gewollte Kind verlor? Ein Hinweis auf das ewige Kommen und Gehen? Mag sein.

Was soll uns die  von Gadient verfasste Geschichte – eine Geschichte innerhalb der Geschichte – über den behinderten Flurin sagen? Ich weiß es nicht.

Vieles in dem Buch des Schweizer Autors Schertenleib bleibt unerklärt, wird nur angedeutet, die Vergangenheit Dolds nur bruchstückhaft eingeblendet. Die Wechsel der zeitlichen Ebenen erscheinen mir recht willkürlich. Die einzelnen Puzzle-Teile ergeben für mich leider kein überzeugendes Gesamtbild.

Zu den diversen großen Fragezeichen kommen dann noch etliche kleinere Ungereimtheiten oder auch Nachlässigkeiten, auf die ich hier gar nicht näher eingehen will. Bei packender Lektüre liest man vermutlich locker darüber hinweg. Doch wenn die Stimmung während des Lesens erst einmal zu kippen begonnen hat, wenn sich Lesefrust einschleicht, wird man wohl auch in Kleinigkeiten zusehends kritischer.

Hansjörg Schertenleib
Der Antiquar
Aufbau Verlag, 2007, 190 Seiten

8 Kommentare zu „Hansjörg Schertenleib: Der Antiquar

  1. Liebe Ingrid

    Ich habe als ersten Roman von Schertenleib „Das Regenorchester“ gelesen, das mich und die Mitglieder unseres Lesezirkels begeistert hat. Diesen Roman kann ich dir empfehlen! „Der Antiquar“ habe ich danach angefangen und leider blieb es beim Anfang. Nach einigen Kapiteln habe ich das Buch aus den Händen gelegt. „Der Glückliche“ haben wir danach auch noch diskutiert und überzeugte uns eigentlich auch. Ich glaube, dass „Der Antiquar“ ein unglücklicher Versuch und Start für Schertenleib war, denn er kann es definitiv besser. Sein neuer Roman liegt bei mir auch schon bereit.

    Liebe Grüsse
    buechermaniac

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    1. Liebe Büchermaniac,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und die Ermutigung, es noch einmal mit Schertenleib zu versuchen. Da kämen dann ja wohl vor allem „Das Regenorchester“ oder das von Mara Giese heute in ihrem Blog mit viel Begeisterung besprochene Buch „Wald aus Glas“ infrage. Ich bin nicht prinzipiell abgeneigt … Grüße in die Schweiz, Ingrid

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  2. Schade, dass dir das Buch nicht gefallen konnte. 😦 Ich schreibe gerade an meiner Besprechung zu Schertenleibs Roman „Wald aus Glas“, der mir ausgesprochen gut gefallen hat und wollte nun unbedingt weitere Titel von ihm lesen. „Der Antiquar“ wird dann wohl erst einmal eher nicht dabei sein …

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    1. Erstaunlich, dass wir bei dem Riesenangebot an Büchern jetzt beide bei Schertenleib gelandet sind. Ich konnte mit dem „Antiquar“ nicht wirklich viel anfangen und bin auch nicht motiviert, weitere Romane Schertenleibs zu lesen. Um so gespannter warte ich jetzt auf Deine Besprechung von „Wald aus Glas“. Dass sie positiv ausfallen wird, hast Du ja schon angedeutet …

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      1. Ich kenne den „Antiquar“ nicht, kann dich jedoch nur ermutigen, Schertenleib noch eine Chance zu geben. Ich habe „Wald aus Glas“ unheimlich gerne gelesen: unaufgeregt, feinfühlig, sanft, mit Liebe zum Detail. Es gab Momente, in denen ich das Buch kaum noch aus der Hand legen mochte. Auch die Beschreibung der schweizerischen Landschaft hat mir gut gefallen … 🙂

        @Buechermaniac
        Das Regenorchester hab ich mir notiert, danke. 🙂

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      2. Liebe Mara, in Deiner Rezension des Buches „Wald aus Glas“ heute in Buzzaldrins Blog ist Deine Begeisterung ja deutlich spürbar. Dieser Roman oder auch das von Büchermaniac sehr geschätzte „Regenorchester“ lassen mich über einen neuen Versuch mit Schertenleib nachdenken. Grüße, Ingrid

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