Heinrich Christian Boie – Leben und Werk

Diesen freundlich dreinblickenden Herrn auf dem Buchcover kennen wir doch?! Richtig, sein Foto fand sich in der Vorstellung des Buches „Die deutschen Musenalmanache des 18. Jahrhunderts“ hier – neben der Veröffentlichung, die ihn bekannt gemacht und der vor allem er seinen Nachruhm zu verdanken hat: Boie war der Initiator des ersten deutschen Musenalmanachs, der als „Göttinger Musenalmanach“ in die Literaturgeschichte eingegangen ist. „Göttinger Musenalmanach“ deshalb, weil der Herausgeber zu jener Zeit (1770) in Göttingen lebte.

Boie, 1744 in Meldorf geboren, war eine sehr interessante und für die Literaturszene Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts durchaus wichtige Persönlichkeit. Er war Dichter, Übersetzer, Herausgeber, Gelehrter und einer der wichtigsten literarischen Publizisten seiner Zeit. Nicht nur, dass sein Musenalmanch den Anstoß zur Herausgabe zahlreicher ähnlicher Schriften gab, ja, einen regelrechten Boom auslöste – er war auch einige Jahre Herausgeber der angesehenen Zeitschrift „Deutsches Museum“. Er entdeckte viele literarische Talente, die er um sich versammelte und förderte. Unter den jungen Autoren waren etliche, die sich zum „Göttinger Hain“ zusammenschlossen und nicht nur durch ihre schriftstellerischen Werke, sondern auch durch ausgeprägten Nationalismus und Hass auf Frankreich und die französische Kultur von sich reden machten. Boie hat dieses Treiben mit  gemischten Gefühlen verfolgt und durchaus auch mäßigend auf seine jungen Freunde eingewirkt; aber er war, wie wir dem hier vorgestellten Buch entnehmen,  ein eher konfliktscheuer, harmoniebedürftiger, auf Ausgleich bedachter Mann, der oft „zwischen allen Stühlen saß“. Dass die Mitglieder des Göttinger Hains sich Christoph Martin Wieland als „Lieblingsfeind“ ausgesucht hatten und diesen vehement wegen in ihren Augen unmoralischer Texte angriffen, bereitete Boie erhebliche Probleme, war er doch mit Wieland befreundet.

Boie stand durch seinen Musenalmanach und das „Deutsche Museum“ im Kontakt mit der geistigen Prominenz des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Er kannte viele „Größen“ jener Zeit nicht nur durch Briefaustausch, sondern persönlich: Friedrich Gottlieb Klopstock, Gottfried August Bürger, Matthias Claudius, Johann Gottfried Herder etwa oder der oben schon erwähnte Christoph Martin Wieland sind zu nennen; auch zu Goethe gab es – allerdings nicht sehr intensive – Beziehungen.

Boie betätigte sich auch als Schreiber von Gedichten; einige der Werke veröffentlichte Schiller in dem von ihm herausgegebenen Musenalmanach. Der „große Wurf“ als Schriftsteller gelang dem umtriebigen, die Poesie liebenden Mann jedoch nicht. Auch sein Wunsch, vom Schreiben zu leben, ließ sich nicht dauerhaft in die Tat umsetzen. Boie verdiente seinen und später den Unterhalt seiner Familie u.a. als Hofmeister in Göttingen und als Landvogt in Meldorf.

Dies alles und noch mehr – auch Privates aus dem Leben von Heinrich Christian Boie – lässt sich in dem von Urs Schmidt-Tollgreve verfassten Taschenbuch über Leben und Werk Boies nachlesen. Es beleuchtet die wichtigsten Stationen im Leben eines Mannes, der sich vor allem als Mittler im „Literaturbetrieb“ Verdienste erworben hat. Aber auch als Landvogt seiner Heimatstadt hat er wichtige Reformanstöße gegeben.

Ein wenig nervig ist, dass der Autor minutiös jede Reise Boies nachzeichnet, auch wenn sich an bestimmten Reisestationen nichts Relevantes ereignet hat. (Schema: Boie reiste nach A, von dort weiter nach B und kehrte noch einmal nach A zurück, bevor er nach C aufbrach …) Von diesem kleinen Einwand und den den Lesefluss etwas störenden außerordentlich zahlreichen Anmerkungen abgesehen, haben wir es hier mit einem interessanten, lesenswerten Bändchen zu tun.

Heinrich Christian Boie starb, nachdem ihn ein Schlaganfall mehrere Monate ans Bett gefesselt hatte, am 25. Februar 1806. Spuren seines Lebens, so schreibt Tollgreve, lassen sich heute in Meldorf kaum finden. Lediglich eine Straße ist nach ihm benannt, und im Dithmarschen Landesmusuem sind ein Porträt sowie einige Erinnerungsstücke aus seinem Leben untergebracht.

Urs Schmidt-Tollgreve
Heinrich Christian Boie – Leben und Werk
Husum Taschenbuch 2004, 136 Seiten

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