York-Gothart Mix: Die deutschen Musen-Almanache des 18. Jahrhunderts

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren viele lesende Menschen  der Faszination von Almanachen erlegen.  Kritische Zeitgenossen sprachen gar von einer „Almanach-Manie“. Unter  Bezeichnungen wie „Almanach“, „Taschenkalender“, „Blumenlese“, „Taschenbuch“,  „Anthologie“  überfluteten Jahr für Jahr die unterschiedlichsten Bändchen den Markt. Sie versorgten die verschiedensten Leserkreise mit populärwissenschaftlichen, unterhaltenden oder literarischen Beiträgen. Unter den Herausgebern und/oder „Beiträgern“ von Almanachen waren viele bedeutende Autoren, Johann Heinrich Voß, Gottfried August Bürger und Friedrich Schiller zum Beispiel.

Und da sind wir dann bei einer besonderen Spielart der Almanache: den Musenalmanachen. Diese kleinen poetischen Jahrbücher wurden rasch ein beliebtes Forum für die Veröffentlichung von Gedichten, Liedern, Balladen. Auf diese Musenalmanache konzentriert sich York-Gothart Mix hier. Es handelt sich um seine Dissertation, was die vielen Verweise und umfangreichen Anhänge erklärt. Und vielleicht ist das auch die Ursache  dafür, dass das insgesamt sehr interessante Buch für Nicht-Literaturwissenschaftler manchmal etwas schwer zu lesen ist.

Radierung von D. N. Chodowiecki

Wer (wie ich) vom Almanach-Fieber angesteckt ist und sich näher informieren will, kommt aber an Mix, heute Professor am Institut für Neuere Deutsche Literatur der Universität Marburg,  nicht vorbei. Soweit ich es sehe,  ist er  d e r  Experte auf diesem Gebiet. Auf das von ihm verfasste Kapitel „Literarische Almanache und Taschenbücher“ im „Museum der Bücher“ (s. Besprechung hier) gehen mein Interesse (der Ausdruck „Manie“ wäre in meinem Fall doch wohl etwas übertrieben) und der Anstoß zurück, mich intensiver der Thematik zuzuwenden.

Musenalmanach? Blumenlese? Anthologie? Oder was?
Bevor Mix in seiner Untersuchung die wichtigsten deutschen überregionalen wie regionalen Musenalmanache vorstellt, darunter den Göttinger Musenalmanach, den Voßschen Musenalmanach (Hamburg), den Wiener Musenalmanach und den Schillerschen Musenalmanach, geht es  zunächst einmal um den „Musenalmanach als Gattung“. Das ist nötig, denn angesichts des Begriffswirrwarrs (s.o.) ist  die Abrenzung zu verwandten Publikationen auf den ersten Blick sehr schwer. Der Titel ist nämlich keineswegs ein zuverlässiges  Kriterium für die Gattungsbestimmung:

Bei Schillers „Anthologie auf das Jahr  1782“ handelt es sich um einen Musenalmanach, bei der „Classischen Blumenlese der Deutschen“ um eine Anthologie, die „Akademische Blumenlese “ von Karl Heinrich Seibt ist eine Aufsatzsammlung seiner Eleven … und Johann Dionys Johns „Blumen, Blümchen und Blätter. Stat eines Prager Musenalmanachs“ müssen wiederum als Musenalmanach angesehen werden.

Jetzt wird es aber Zeit für Kriterien, anhand derer ein Musenalmanach als solcher erkennbar ist:

Vor dem Hintergrund der Unterschiede zu allen anderen almanachsähnlichen Publikationen und aufgrund seines eigenen Erscheinungsbildes kann der Musenalmanach als eine jährlich erscheinende Gedichtsammlung definiert werden, die das Ziel hat, einem breiten Publikum eine Auswahl bemerkenswerter,  in der Regel unveröffentlichter Dichtungen in Form eines poetischen Vademecums für das kommende Jahr zur Lektüre vorzustellen.

Uff! Jetzt haben wir’s.

Der Musenalmanach – eine Erfolgsstory
Die Erfolgsstory der Musenalmanache  begann 1770 mit dem „Göttinger Musenalmanach“, ins Leben gerufen von dem dort ansässigen Hofmeister Heinrich Christian Boie. Dessen Idee war es, pünktlich zur Leipziger Michaelismesse 1769 erstmals eine Anthologie nach dem Vorbild des bereits 1765 gegründeten  Pariser „Almanach des Muses“ herauszubringen. Die Begleitumstände des Erscheinens sind so spektakulär, dass ich sie hier kurz schildern möchte:

Boies Idee fand nämlich sogleich Nachahmer. Noch bevor der „Göttinger Musenalmanach“ – Boies Projekt – auf dem Markt war, veröffentlichte der Leipziger Verleger Engelhard Benjamin Schwickert seinen von Christian Heinrich Schmid im Schnellverfahren zusammengestellten „Almanach der deutschen Musen auf das Jahr 1770“!  Besonders pikant und ärgerlich für Boie: Schwickert hatte  Boies Idee  nicht nur schon vor Veröffentlichung des „Originals“ kopiert und vermarktet – auch ein Teil der Göttinger Druckbögen war gestohlen worden, so dass das Leipziger Konkurrenzprojekt mit 18 Beiträgen aus der Göttinger Sammlung „glänzte“. Boie reagierte und gab bei den folgenden Ausgaben das Prinzip der Anthologie zugunsten der Veröffentlichung ungedruckter Texte auf. Sein Beispiel machte Schule. Der „Göttinger Musenalmanach“ war übrigens der langlebigste – die letzte Ausgabe erschien 1804.

Der Göttinger Musenalmanach 1770 und sein Begründer und erster „Redaktor“ Heinrich Christian Boie

Wandel des Geschmacks – Krise der Gattung
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Publikumsgeschmack gewandelt. So lesen wir im Kapitel „Das Konkurrenzverhältnis zwischen literarischen Taschenbüchern und Musenalmanachen – die Krise der Gattung“:

Nachdem man den Leser drei Jahrzehnte lang mit poetischen Blumenlesen aus den verschiedensten Staaten, Kleinstaaten, Städten und Landschaften des Reiches bedacht hatte, stand nun der mehr Abwechslung verheißende Publikationstypus des literarischen Taschenbuchs in der Gunst des breiteren Publikums.

Hier fand die Leserschaft nicht nur poetische, sondern auch prosaische Beiträge. So mancher griff zu Anthologien, in denen die  Poesien der Lieblingsautoren  aus früheren Jahren neu geordnet dargeboten wurden. Andere Leser(innen) wiederum  wandten sich Taschenbüchern zum geselligen Vergnügen, „Frauenzimmeralmanachen“ oder ähnlichen Publikationen zu.

Das Kapitel „Geselligkeit und poetische Formen“ schließlich beschließt nach 160 Seiten den redaktionellen Teil des Buches; über 100 Seiten Anhang (Literaturzeichnis, 50 Seiten Anmerkungen, Abbildungsverzeichnis) schließen sich an.

Ich habe in der Veröffentlichung eine Unmenge interessanter Informationen gefunden: über Almanache und ihre verschiedenen Ausprägungen, über den literarischen Geschmack und die Literaturszene der Goethezeit und vieles mehr. Aber eine Dissertation zu lesen ist nicht immer ein reines Vergnügen. Die Arbeit hätte eine journalistische Aufarbeitung gut vertragen können. Eine lohnende Lektüre war es aber dennoch.

York-Gothart Mix
Die deutschen Musen-Almanache des 18. Jahrhunderts
Verlag  C. H. Beck, München 1987, 281 Seiten

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