Adrienne Monnier: Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon

Schriften 1917 – 1953

Eines Tages entdeckte ich in der Bibliothèque Nationale, daß eine bestimmte Zeitschrift – ich glaube, es war Paul Forts ‚Vers et Prose‘ – in A. Monniers Buchhandlung, 7 Rue de l’Odéon, Paris VI, erhältlich war. Ich hatte den Namen vorher nie gehört und war auch mit dem Odéon-Viertel nicht vertraut, aber ich fühlte mich auf einmal ganz unwiderstehlich an die Stelle gezogen, an der so wichtige Dinge in meinem Leben sich zutragen sollten.

So beschreibt Sylvia Beach in ihrem Buch „Shakespeare and Company“ den Beginn ihrer  Bekanntschaft mit Adrienne Monnier. Und diese Zeilen aus der Feder der späteren Lebensgefährtin  Adriennes wiederum standen  für mich am Anfang meiner „Begegnung“ mit der Pariser Buchhändlerin, Verlegerin, Übersetzerin, Schriftstellerin. Sehr beeindruckt von dem, was ich  in Sylvia Beachs Buch über Adrienne Monnier lesen konnte, war ich hocherfreut, bei meinen Recherchen im Internet auf Monniers „Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon“ zu stoßen.

Adrienne Monnier war das, was wir heute eine Powerfrau nennen würden: 1915, im Alter von 23 Jahren, gründete sie ihre Buchhandlung „La Maison des Amis des Livres“.

Ich liebte ganz einfach Bücher, und der Beruf der Buchhändlerin würde es mir ermöglichen, ganze Wände damit zu bedecken; ich würde in den Ozean des Wissens hinabtauchen. Aber ach! der Schein trog, und die Dinge erwiesen sich als weitaus schwieriger als gedacht. Meiner Unerfahrenheit wegen kam es zu vielen Kämpfen und Prüfungen.

Angegliedert war eine Leihbücherei, denn Monnier war der Auffassung, dass man normalerweise kein Buch kauft, dass man nicht kennt. Obwohl die junge, engagierte Frau zur Zeit der Gründung ihres Geschäfts noch völlig unbekannt war, entwickelte sich der Laden  rasch zum kulturellen Zentrum des linken Seineufers. Berühmte Autoren der französischen Literaturszene gingen bald ein und aus. Monnier war aber nicht nur belesene Gesprächspartnerin und wenn nötig auch selbstbewusste Kritikerin ihrer berühmten Besucher, sie entdeckte und förderte auch entschlossen junge Talente.

Adrienne Monnier (rechts) mit Sylvia Beach in deren Buchhandlung „Shakespeare and Company“

Nachdem ihre Freundin Sylvia Beach den „Ulysses“ von James Joyce im englischen Original verlegt hatte, brachte Adrienne Monnier ihn in französischer Übersetzung heraus. Wichtige Impulse gab sie mit den von ihr verlegten Zeitschriften, zunächst mit „Le Navire d’Argent“, später mit ihrer „Gazette“. Wo immer es möglich war, stärkte sie künstlerisch und schriftstellerisch tätigen Frauen den Rücken.

Die Bedeutung Adrienne Monniers für das „Goldene Zeitalter“ der französischen Literatur kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Ihre hier veröffentlichten Artikel, Erzählungen und Essays vermitteln einen Eindruck von der Fülle ihrer Aktivitäten, von ihrer Intelligenz, ihrer enormen Kenntnis literarischer Werke,  von ihrem Gespür für Talente. Sie schreibt u.a. über Walter Benjamin, Bryher, Colette, Joyce, Rilke, Valéry, Saint-Exupéry und – etwas weniger als ich erwartet hatte – über Sylvia Beach. Für Verständnis und Einordnung mancher nicht ganz einfacher, nicht selten auch gute Kenntnisse der französischen Literaturgeschichte voraussetzender Texte ist das Nachwort des Herausgebers Carl H. Buchner hilfreich.

Interessant sind auch die Schilderungen über die alltäglichen Arbeiten, Sorgen und Probleme einer Buchhändlerin. Denn es ist nicht damit getan, „Salon zu halten“; eine Unzahl lästiger, bisweilen ausgesprochen materieller Aufgaben gehört dazu: Aufräumen, Pakete, Abrechnungen.

Beständig schlagen Staub und Papierwust über einem zusammen. An all das muß man sich gewöhnen, denn dieser Beruf bringt nicht genug ein, als daß man sich viele Hilfskräfte leisten könnte.

In Aufzeichnungen aus den Jahren 1937/1938 geht Adrienne Monnier auf die schlechter gewordene wirtschaftliche Situation des Buchhandels und „die Krise des Buches“ ein. Abweichend von der gängigen Meinung, wonach Kino und Radio die Leser/innen abgestumpft hätten, sieht sie die Ursache eher in dem vom Buchhandel selbst verschuldeten Trend, Bücher durch ständige Preisnachlässe „unter Wert“ zu verkaufen und selbst neue Veröffentlichungen schon bald zu verramschen. Hochaktuell der schon mitten in einer Zeit geschäftlicher Blüte gegebene Rat des damaligen Direktors des „Maison du Livre“, Gaston Ziegler, an junge Frauen, die wie Adrienne Monnier Buchhändlerin werden wollten: „Machen Sie vor allem nicht den Fehler, nur eine Buchhandlung zu eröffnen, nehmen Sie Schreibwaren hinzu, das ist unumgänglich.“

In dem oben schon zitierten Nachwort schreibt Carl H. Buchner:

Mit ansteckender Begeisterung und mit einer scharfsinnigen und weitsichtigen Urteilskraft, um die manch ein Verleger oder Kritiker sie wohl beneiden dürfte, hat Adrenne Monnier ganz neue Konstellationen in den Himmel der literatischen Moderne eingezeichnet.

Was soll man dem noch hinzufügen?

Die Buchhandlung „La Maison des Amis du Livre“ existierte bis 1951. Unheilbar krank, setzte Adrienne Monnier im Juni 1955 ihrem Leben ein Ende.

Adrienne Monnier
Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon
Schriften 1917 – 1953
Suhrkamp Taschenbuch  2859

11 Kommentare zu „Adrienne Monnier: Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon

    1. Mir scheint, ich habe da eine kleine Lawine losgetreten. Um so besser für Adrienne Monnier, die ein wenig in Vergessenheit zu geraten droht.
      Ich hoffe, bis bald wieder mal. Ingrid

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    1. Ja, liebe Petra, dieses Buch ist sicher eine schöne Ergänzung zu Sylvia Beachs Erinnerungen, aber es ist doch ganz anders, und es gibt gar nicht so viele Berührungspunkte. Adrienne Monnier hatte ja auch nicht die Absicht, ein Buch zu schreiben – es handelt sich hier um zusammengefasste Veröffentlichungen von ihr zu unterschiedlichen Zeiten, zu den unterschiedlichsten Zwecken und in unterschiedlichen Publikationen. Aber interessant und lesenswert allemal. Eine tolle Frau.

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