Graphic Novel von Marc-Antoine Mathieu: Gott höchstselbst

Was passiert, wenn ein Mann bei einer Volkszählung keine Papiere vorweisen kann und als Namen einfach „Gott“ angibt? Nicht nur als Hausnamen, sondern nach beharrlichem Fragen des die Daten aufnehmenden Schreibers auch als Vornamen:

– „Gott Gott. Aber man nennt mich meist einfach nur Gott.“

– „Wollen Sie damit sagen,  dass … Ihr … Name … Sie  …“ –  „He, habt Ihr das gehört? Dieser Kerl hier behauptet, er sei Gott!“

– „Aber das bin ich wirklich.“

– „Na dann viel Glück, Junge!“

Gott ist unter uns
Die Sensation: Gott ist unter uns

Das Gelächter der Umstehenden bleibt nicht aus. Doch dann geschehen Wunder, und die lassen keinen Zweifel an der Behauptung des alten Mannes mehr zu. In der Folge  kommt es zu einem ungeheuren Hype. Die große Vermarktung Gottes setzt ein.

Wissenschaftler versuchen die Menschwerdung Gottes zu erklären; Verlage und Werbeagenturen arbeiten an dem optimalen Logo  für die Vermarktung des göttlichen Buches; auf sämtlichen Fernsehkanälen geht es um Gott – von Diskussionsrunden  bis zu Quizshows; der Freizeitpark „Reich Gottes“ mit seiner „Achterbahn der Unendlichkeit“ öffnet seine Pforten. Für Gottes „Bad in der Menge“ wird ein „Gogomobil“ gebaut.   Eine (unter vielen anderen) schöne Persiflage ist  das Zusammenspiel eines wiederholt ins Bild gesetzten Reporterduos, das sich gegenseitig die Bälle zuwirft. Ein Trend, den es nicht nur in Frankreich, etwa bei der Übertragung von Fußballspielen, gibt, sondern vermehrt auch bei deutschen Fernsehsendern.

„Der berühmte Wagen, der in „‚Gogomobil‘ umgetauft wurde, Thomas? – „Ganz genau, Dieter.“

Gott – das Mega-Event

Eingestreut werden immer wieder Statements, etwa die der Pressesprecherin Hilde Busch-Kraputzek, des Soziologen Klaus Haberer, der pensionierten Richterin Inge X. oder des Investors Colin Maxwell. Ja, man fühlt sich oft genug an mediale Großereignisse unserer Zeit erinnert.

Gott vor Gericht
Gott vor Gericht – vor „handverlesenem“ Publikum auf den Rängen

Doch Gottes Menschwerdung löst nicht nur Freude aus. Es gibt viele Enttäuschte, deren Wünsche nicht erfüllt wurden. Eine Flut von Klagen setzt ein, und Gott wird ein Mammut-Prozess gemacht, auf den ihn seine 158 Verteidiger optimal vorzubereiten suchen.

„Eine sehr unterhaltsame und boshafte Satire über die Medien- und Konsumwelt“ urteilt Christan Gasser über „Gott höchstselbst“ in der Neuen Zürcher Zeitung. Ich stimme diesem Urteil  zu, wenn auch die wissenschaftlichen (?) Einlassungen der Experten gelegentlich Längen aufweisen und für Laien oftmals nur schwer nachvollziehbar sind.

Was ganz anderes hat mich noch ein wenig gestört: die manchmal sehr kleine, schwer lesbare Schrift. Oder brauche ich eine neue Brille?

Von diesen beiden kleineren Einwänden abgesehen, ist „Gott höchstselbst“ eine wirklich unterhaltsame, ideenreiche, oft witzige, angesichts des Hypes mit Blick auf die mediale Realität unserer Tage durchaus auch ein wenig nachdenklich stimmende Graphic Novel.

Noch einige Worte zum Autor,  dem wir Text und Zeichnung zu verdanken haben: Der 1959 geborene Franzose Marc-Antoine Mathieu debütierte 1987 als Comic-Zeichner. Berühmt wurde er mit der mehrfach preisgekrönten Serie „Julius Corentin Acquefacques, Gefangener der Träume“. Seit 1990 sind in dieser Serie fünf Bände erschienen.

Marc-Antoine Mathieu
Gott höchstselbst
deutschsprachige Ausgabe erschienen bei Reprodukt
hier: Lizenzausgabe der Süddeutschen Zeitung/Bibliothek 2012

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