Alison Bechdel: Fun Home

Eine Familie von Gezeichneten

Nein, mit Fun hat diese Graphic Novel wirklich nichts zu tun. Das war die erste Überraschung.

Die zweite Überraschung: ich hätte nie erwartet, in diesem Buch Sylvia Beach und ihrer Buchhandlung Shakespeare & Company wieder zu begegnen.

Genau genommen wusste ich recht wenig über Alison Bechdels Meisterwerk, als ich es vor einigen Wochen bestellte. Das Buch war mir dadurch aufgefallen, dass es 2011 in die von der Süddeutschen Zeitung erstmals aufgelegte jährliche Reihe von 10 beeindruckenden Graphic Novels aufgenommen wurde. Alison Bechdel in bester Gesellschaft etwa mit Will Eisner, Jacques Tardi, Marjane Satrapi – das war vielversprechend.

Ausgabe Süddeutsche Zeitung

Und ich wurde nicht enttäuscht, wenn auch überrascht, hatte ich doch eher ein witziges Buch erwartet, das das Alltagsleben einer amerikanischen Familie aufs Korn nimmt.

Fun Home (Wortspiel, abgeleitet von „Funeral Home“) nennen Alison und ihre jüngeren Brüder Christian und John das Beerdigungsinstitut, das der Vater führt, und in dem sie herumtollen und  ihren Spaß haben. Bestatter Bruce Bechdel ist auch noch Englisch-Lehrer, denn in dem kleinen Nest, in dem die Familie zu Hause ist,  lässt sich von Toten allein nicht leben.

Das Verhältnis des Vaters zu seinen Kindern ist kühl, distanziert, was Alison schon als Kind deutlich spürt. Die Liebe, die Nähe, die sie sucht, findet sie bei ihm nicht.

Wie jeder normale Vater ließ sich auch meiner zuweilen zu einer Runde „Flugzeug“ erweichen. … Es war unbequem, aber der seltene Körperkontakt war es wert …

Der Vater dekoriert leidenschaftlich gern, liebt  Blumen, aber vor allem seine Bücher – über die Bücher findet später so etwas wie Kommunikation zwischen Vater und Tochter statt. Als Alison 19 Jahre alt ist, kommt ihr Vater ums Leben. Kurz zuvor hatte die Mutter ihm erklärt, sie wolle die Scheidung. Unglück oder Selbstmord? Beides ist möglich und wird nie endgültig geklärt.

Als junge Frau erkennt Alison, dass sie lesbisch ist. Sie outet sich gegenüber ihren Eltern. Die Nachricht löst eine Mitteilung ihrer Mutter aus, die Alison „umhaut“: der Vater ist homosexuell und hatte sogar Sex mit minderjährigen Jungen. Mit diesem Wissen nähert sich Alison in „Fun Home“ ihrem Vater, den sie schon vor seinem Tod vermisste. In nicht chronologisch angelegten Kapiteln umkreist sie die Zeit vor und nach seinem Tod.

Ich ließ das Thema fallen, zum Teil wegen seiner Häme, vor allem aber, weil ich die Angst in seinen Augen sah.

„Fun Home“ ist eine packende, manchmal beklemmende, manchmal aber auch humorvolle, ja zuweilen witzige autobiografische Erzählung, in der die junge Frau versucht,  das Verhalten des Vaters zu deuten, zu verstehen. Die lesbische Alison  unternimmt immer wieder Versuche, eine offene Kommunikation mit ihrem homosexuellen Vater aufzubauen, doch der „mauert“ und ist kaum zu mehr als Andeutungen bereit. Erst kurz vor seinem Tod kommt es bei der gemeinsamen Fahrt ins Kino zu einem Bekenntnis seiner Homosexualität.

Dass in der Zeit bis dahin der dünne Kommunikationsfaden zwischen Vater und Tochter nicht abgerissen ist, verdanken die beiden ihrer Liebe zu Büchern, die sie sich gegenseitig mehr oder weniger offen zur Lektüre empfehlen – Bücher vielfach von Autoren, die selbst homosexuelle Neigungen hatten, wie Proust, Oscar Wilde, Colette. Und da sind wir denn bei Sylvia Beach und ihrer Lebensgefährtin Adrienne Monnier:

Er würdigt das Risiko, das Sylvia Beach auf sich nahm, als sie ein Manuskript veröffentlichte, das niemand mit der Kneifzange anfassen wollte.

Joyce erwähnt Margaret Anderson und Jane Jeap, die angezeigt wurden, weil sie in ihrer Literaturzeitschrift The Little Review Auszüge aus Ulysses veröffentlicht hatten.

Es mag Zufall sein, dass all diese Frauen – so wie übrigens auch Sylvias Geliebte Adrienne Monnier, die Verlegerin der französischen Übersetzung des Ulysses – lesbisch waren.

„Fun Home“ ist ein wunderbares Buch, das sehr offen mit einem Thema umgeht, dass es im scheinheiligen, prüden Amerika „in sich hat“. Bis jetzt war hier nur vom Text die Rede. Deswegen wird es höchste Zeit, auch Alison Bechdels zeichnerische Leistung hervorzuheben. Dem Umschlagtext kann ich nur zustimmen: Wort und Bilder fügen sich zu einem Meisterwerk der Comic-Kunst zusammen.

Alison Bechdel
Fun Home
Eine Familie von Gezeichneten
Kiepenheuer & Witsch 2008, 240 Seiten, 19,95 EUR
oder
Süddeutsche Zeitung/Bibliothek, 2011, 14,90 EUR

2 Kommentare zu „Alison Bechdel: Fun Home

    1. Freut mich, dass es mir offenbar gelungen ist, etwas von der literarischen und zeichnerischen Qualität dieser Graphic Novel zu vermitteln.

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