Helene Hanff: 84 Charing Cross Road

Eine Freundschaft in Briefen

Es beginnt 1949 alles ganz förmlich:

„Sehr geehrte Herren! Ihrer Anzeige in der Saturday Review of Literature entnehme ich, dass Sie auf Bücher spezialisiert sind, die nicht mehr lieferbar sind… Ich füge eine Liste bei mit meinen dringendsten ‚Problemen‘. Falls Sie gut erhaltene gebrauchte Exemplare von irgendeinem der Bücher auf der Liste haben und diese nicht mehr als 5 Dollar pro Stück kosten, würden Sie bitte diesen Brief als Bestellung auffassen und mir die Exemplare zusenden? Hochachtungsvoll Helene Hanff“.

Aber die New Yorker Schriftstellerin und Drehbuchautorin kann auch anders:

„… und hören Sie jetzt genau zu, Frankie, es wird ein langer, kalter Winter werden, und ich arbeite abends als Babysitterin, und ICH BRAUCHE LESESTOFF, SITZEN SIE ALSO NICHT LÄNGER HERUM; SONDERN BESCHAFFEN SIE MIR BÜCHER.“

Klar, zu diesem Zeitpunkt (1952) ist aus dem Briefverkehr zwischen Helene Hanff und Frank Doel vom Londoner Buchladen Marks & Co. schon eine Brieffreundschaft geworden, und auch der Engländer gibt sich mittlerweile lockerer als zu Beginn. Doch mit dem Witz seiner Kundin auf der anderen Seite des Atlantiks kann er nicht mithalten.

Aber Helene Hanff ist nicht nur emsige Käuferin bei Marks & Co. Nachdem sie von den Rationierungen im Nachkriegs-England und den damit einhergehenden Versorgungsengpässen erfahren hat, beginnt sie mit dem Versand von Hilfslieferungen an die Familie Doel, aber auch die Mitarbeiterinnen des Buchladens. In „84 Charing Cross Road“ kann man nachlesen, wie dankbar ihre Hilfe angenommen und der Briefwechsel zunehmend freundschaftlicher und persönlicher wird. Immer wieder wird die Amerikanerin aufgefordert, zu einem Besuch nach London zu kommen. Doch das lässt sich zu Lebzeiten Frank Doels nicht realisieren.

Allerdings ist Helene Hanff später nach London gekommen und hat Doels Familie kennengelernt. Darüber berichtet sie in einem anderen Buch, das Petra Gust-Kazakos im Rahmen eines „Helene Hanff-Dreierpacks“ in Phileas Blog vorgestellt hat. Auch „84 Charing Cross Road“ wird in dem Beitrag mit viel Sympathie besprochen.

Wenn man selber ständig hinter Büchern her ist, kann man sich gut vorstellen, wie ungeduldig Helene Hanff oft auf die Büchersendungen aus London gewartet haben muss. Nicht immer konnten ihre Wünsche erfüllt werden; gelegentlich vergingen viele Monate bis zum Posteingang, und manchmal entsprachen die Ausgaben, die sie erhielt, auch nicht ihren Erwartungen. Aber dass man einmal ein Buch zu Packpapier umfunktioniert hatte, brachte sie auf die Palme, und sie machte ihrem Unmut auf die ihr eigene Art Luft:

„Ich will Ihnen, Frank Doel, nur eines sagen: Wir leben in verkommenen, zerstörerischen und degenerierten Zeiten, wenn eine Buchhandlung – eine BUCHHANDLUNG – damit anfängt, schöne alte Bücher auseinander zu reißen, um sie als Einpackpapier zu verwenden. Ich sagte zu John Henry, als er ausgewickelt war: ‚Hätten Sie das für möglich gehalten, Eminenz?‘, und er verneinte. Sie haben das Buch mitten in einer großen Schlachtszene auseinander gerissen, und ich weiß nicht einmal, um welchen Krieg es sich handelt.“

Keine Bange, Frank Doel hatte eine plausible Erklärung für die Zweckentfremdung. Und der dauerhaften, herzlichen Freundschaft zwischen der Amerikanerin und dem Engländer tat nicht einmal mehr so etwas Abbruch.

Um es kurz zu machen: Den Briefwechsel zwischen Helene Hanff und ihren ihr persönlich unbekannten Freundinnen und Freunden in London zu lesen, ist einfach ein reines Vergnügen. Leider währt die Lesefreude nur kurz, denn, einmal angefangen, ist man ruck-zuck „durch“.

Helene Hanff
84 Charing Cross Road
Eine Freundschaft in Briefen
Hoffmann und Campe, 4. Auflage 2002, 160 Seiten

8 Kommentare

  1. Stimmt schon – ein kurzes und kurzweiliges Vergnügen. Aber das ist mit Vergnügen ja leider oft so – schneller vorbei, als man will. Und ich werde wie Petra empfiehlt, nun auch die anderen Bücher lesen…

    Gefällt mir

  2. Ich bin in der Regel kein Fan von Büchern mit Briefwechsel. Aber nachdem ich bei Petra und jetzt bei dir von dem Buch vorgeschwärmt bekommen habe, muss ich es wohl auch noch lesen. Den Film würde ich mir zu gerne anschauen, aber der ist im Moment nicht erhältlich bei uns.

    Gefällt mir

  3. Freut mich, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat : ) Und wenn du es ebenfalls als zu kurz empfunden hast – einfach noch die beiden anderen lesen & vielleicht noch den Film dazu anschauen, der ist wirklich schön gemacht : )

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s