„Sunwise Turn“: Zwei Buchhändlerinnen in New York

Manchmal fallen wegweisende Entscheidungen sehr schnell:

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich zu dem Schluss kam, dass Amerika eine ganz neue Art von Buchhandlung brauchte, und zwar sofort, und dass ich so einen Laden eröffnen würde.

Magde Jenisons  Gedanken begannen zu rasen, wie es in Ausnahmesituationen oft der Fall ist. Eine Stunde später – sie wollte nicht überstürzt vorgehen (!) – rief die engagierte Frauenrechtlerin und Autorin ihre Freundin Mary Mowbray-Clarke an, um sie als Partnerin zu gewinnen. Das war im Jahr 1916. Und so entstand eine von zwei Frauen geführte Buchhandlung, die, so würden wir heute sagen, Kultstatus erlangte.

Aber bis dahin lag noch ein hartes Stück Arbeit vor den beiden Freundinnen,  die sich mit Leidenschaft, Fleiß und kreativen Ideen  an den Aufbau ihres Unternehmens machten.

Magde Jenison lässt uns in ihrem Buch teilhaben an der Entwicklung von „The Sunwise Turn“ (Mit dem Lauf der Sonne), wie sie und ihre Partnerin ihren Bücherladen im New Yorker Stadtbezirk Manhattan nannten. Ein Name, der auf die gälische Mythologie zurückgeht.

Wir wollten auf modernere und kultiviertere Art Bücher verkaufen, als es bisher üblich war und sie, falls es in unserer Macht stand, in den Strom des schöpferischen Lebens unserer Generation einfließen lassen. Und so wurden wir „The Sunwise Turn – A Modern Bookshop“.

Jenison erzählt locker, unterhaltsam, humorvoll  und manchmal auch etwas unstrukturiert von den Anfangsschwierigkeiten, den finanziellen Problemen, schönen und bösen Überraschungen und den sich nach und nach einstellenden Erfolgen. Bald gehörten Künstler und Intellektuelle ebenso zu den Kunden wie Vertreter des „Geldadels“, Angehörige der Mittelschicht ebenso wie (etwas unterrepräsentiert) Arbeiter. Die Liste derer, die sich als freiwillige Helferinnen und Helfer anboten und in „Sunwise Turn“ mitarbeiten  wollten, wurde länger und länger. Auch die junge Peggy Guggenheim betätigte sich als Aushilfe und erledigte Botengänge.

Was machte „Sunwise Turn“ schließlich so erfolgreich? Sicher spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Ohne das wahrlich leidenschaftliche Engagement von Jenison und Mary Mowbray-Clarke wäre der Aufstieg gewiss nicht möglich gewesen. Aber sie hatten auch ein inhaltliches Konzept: „Menschen, die nicht am Puls der intellektuellen Welt leben, Gedanken zugänglich zu machen“. Die Auswahl der angebotenen Bücher erfolgte ohne Scheuklappen. Und sie bewiesen Phantasie, Kreativität, denn sie erkannten, dass eine Buchhandlung kaum allein von den Rabatten leben kann, die die Verlage einräumen. Also gaben sie ihrem Laden durch ungewöhnliche Farbgestaltung ein unverwechselbares Aussehen. Sie kreierten  phantasievolle Verpackungen, die zum Markenzeichen ihrer Buchhandlung wurden. Sie verkauften nicht nur Bücher, sondern auch Schreibwaren, Kunst, ausgefallene Stoffe.  Und sie organisierten in „Sunwise Turn“ Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen.

Kommt uns vieles davon heute nicht sehr bekannt vor? Diese beiden Frauen machten dies schon vor einem Jahrhundert und sicherten so die finanziellen Grundlagen ihres Unternehmens. Auch sonst fühlt man sich des öfteren an die heutige Zeit erinnert, etwa wenn Jenison über die Probleme des Buchhandels schreibt.

Zum Abschluss noch einmal Madge Jenison wörtlich über das Glück, das Bücher vermitteln können:

Es steckt so viel Lebenskraft und Lebensfreude in Büchern! Die Freude, die Bücher vermitteln, lässt sich nicht in Worte fassen Manche Leute finden Turgenjew und Tschechow deprimierend, doch wenn ich mit einem neuen Band von einem der beiden die Straße entlanggehe, spüre ich ihn wie warmes Gold und weiß, dass ich nur eine Mußestunde und einen bequemen Sessel brauche, um in höhere Gefilde aufzusteigen.

Tja, in die Buchhandlung „Sunwise Turn“ wäre ich liebend gern mal gegangen. Es ist nicht genau bekannt, wie lange sie existiert hat. Wenigstens gibt es dieses schöne Buch, das die Erinnerung an „Sunwise Turn“ und zwei beeindruckende Frauen lebendig hält.

Madge Jenison
Sunwise Turn – Zwei Buchhändlerinnen in New York
Edition Ebersbach, 2. Auflage 2007, 200 Seiten
nur noch antiquarisch erhältlich

13 Kommentare

  1. Das ist schön, dass du dieses Buch hier vorstellst. Vielen Dank. Dem letzten Zitat von Madge kann ich 200%ig zustimmen. Nur schade, dass es diese Buchhandlung nicht mehr gibt.

    Eine schöne Woche wünscht dir
    buechermaniac

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  2. Das Buch habe ich bereits vor einiger Zeit gelesen und war ähnlich begeistert davon. Man bekommt richtig Lust in den nächsten kleinen Buchladen zu gehen (was ja immer schwieriger wird) und in Büchern zu schwelgen.

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    • Schön zu lesen, dass auch Dir „Sunwise Turn“ so gut gefallen hat. Madge Jenison und ihre Freundin haben vor fast 100 Jahren mit der Gründung ihrer Buchhandlung wirklich Bemerkenswertes geleistet.

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  3. Hallo, liebe Ingrid & liebe Karin, ich kenne dieses Buch natürlich auch & wollte – genau wie Karin – Helene Hanff & Shakespeare & Company empfehlen : ) Freue mich schon, wenn die entsprechenden Blogbeiträge hier kommen. Diese Art von Büchern kann ich beliebig oft & in Variationen lesen. Falls ihr weitere Tipps in der Richtung habt, her damit!

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  4. In meinem Leseleben war ich bisher der wundervollen Helene Hanff begegnet, Und einem berühmten Buchladen in Paris. Nun New York – nach dieser lebendigen Vorstellung von Dir habe ich mir das Buch gleich antiquarisch bestellt.

    Meinen Dank für diesen wertvollen Lektüretipp!

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    • Helene Hanff einerseits und Sylvia Beach mit ihrem Pariser Buchladen Shakespeare and Company andererseits kommen hier im Blog auch noch dran. Es ist übrigens wohl so, dass Sylvia Beach die New Yorker Buchhandlung Sunwise Turn gekannt und diese zum Vorbild für Shakespeare and Company genommen hat.

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      • … gerade ist der antiquarische Band bei mir eingeflogen. Hinreißend schön und so lebendig geschrieben sind schon beim Anlesen die ersten Zeilen. Ein bibliophiles Fundstuck, das ich nicht mehr missen möchte. Ich freue mich schon auf Deine kommenden Bücherblogeinträge zu Helene Hanff, Sylvia Beach und anderen!

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