Régis de Sá Moreira: Das geheime Leben der Bücher

Träumen ist erlaubt. Denn es ist ein seltsames, verzauberndes Universum, in das uns der Autor da entführt: eine Buchhandlung, die rund um die Uhr geöffnet hat, ein namenloser Buchhändler, der nicht schläft und nicht isst, sondern ausschließlich von Kräutertees lebt und sich durch seine  Lektüre „ernährt“. Er ist den Büchern in seinen Buchregalen auf unnachahmliche Weise verbunden:

„Alle Bücher seiner Buchhandlung waren in ihm lebendig, standen in ihm geschrieben, und wenn der Buchhändler sie las, ließ er sie lediglich wieder aufleben. Die Bücher ihrerseits waren darauf angewiesen, dass der Buchhändler sie las, um in ihm weiterzuleben.“

Aber der Buchhändler, der so überaus belesen ist und außerordentlich liebenswert und einfühlsam auftreten kann,  hat auch manche merkwürdige Angewohnheit:  Ihm „passend“ erscheinende Seiten reisst er aus den Büchern und schickt sie an seine Brüder oder Schwestern. Wenn er Kunden nicht mag oder sich durch sie bedrängt fühlt, beantwortet er deren Fragen mit zusammenhanglosen Sätzen, die er aus Büchern zum Erlernen von Fremdsprachen entnommen hat. Etwa:

Kunde: „Auf welche Quellen beziehen Sie sich?“
Buchhändler: „Jeden Mittag bereitet meine Mutter das Essen zu, während ich meine Hausaufgaben mache.“

Ein Satz aus solch einem Lehrwerk für eine Fremdsprache hat es ihm besonders angetan, aber den hebt er sich für die „ganz schweren Fälle“ auf:

„Es gibt viel interessante Dinge über die Eisberge zu erfahren.“

Aber auch die Kunden entsprechen nicht unbedingt unseren gewohnten Vorstellungen, und sie haben oft sehr spezielle Wünsche: Ein Buch, in dem kein elektrisches Gerät vorkommt („Auch kein Kühlschrank?“ – „Vor allem kein Kühlschrank“). Das Buch mit dem Titel „Gedanken eines alten Mannes am Morgen nach dem Rausch“. Ein Mann sucht Schund, und eine Frau sucht Schund für ihren Mann. Und da ist Jacques der Fatalist, der über Jahre viele Bücher gekauft hat, sich dann lange nicht hat blicken lassen und nun rückwärts in chronologischer Reihenfolge ein Buch nach dem anderen zurückbringt.

Manchmal kommen Kunden, die zuvor in der gegenüberliegenden Kneipe waren. Es passiert aber umgekehrt auch, dass der Buchhändler potenzielle Kunden in diese Kneipe schickt:

Kunde: „Ich suche den Bereich ‚Persönliche Entwickung'“.
Buchhändler: „Der ist auf der anderen Straßenseite, genau gegenüber“.

Kunde: „Haben Sie etwas über Kampfpanzer?“
Buchhändler: „Vielleicht gegenüber …“

Nein, ein Roman ist „Das geheime Leben der Bücher“, obwohl auf dem Umschlag so angekündigt, wirklich nicht. Hier wird keine zusammenhängende Geschichte erzählt. Das hier ist eher eine fantasievolle, an Märchen erinnernde Sammlung kleiner skurriler Begebenheiten aus dem Leben eines fiktiven Buchhändlers, der nach drei gescheiterten Beziehungen seine ganze Liebe den Büchern schenkt, die drei Frauen seines Lebens aber nicht wirklich vergessen kann. Der in Paris lebende Autor (Mutter Französin, Vater Brasilianer) erzählt brillant Episoden, die manchmal nachdenklich stimmen, melancholisch angehaucht sind, oft schmunzeln lassen oder aber auch zu herzhaftem Lachen verleiten.

Wenn man bereit ist, sich in das von Sà Moreira geschaffene bizarre Universum, diese Welt voller Schönheit wie voller  Absurditäten zu begeben, wird man seine Freude an der Lektüre haben. Sonst – natürlich – nicht.

Régis de Sá Moreira
Das geheime Leben der Bücher
Knaur Taschenbuch 63599 (2009), 176 Seiten, 7,99 EUR

2 Kommentare zu „Régis de Sá Moreira: Das geheime Leben der Bücher

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